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Deutsch-Französische Freundschaft

Am Anfang war Offenburg

Von Jochen Thies

© Shutterstock

08. Mai 2022

In der Neuerscheinung Die Stadt der Versöhnung werden die Bedeutung des Jesuitenpaters Jean du Rivau sowie des Bureau International de Liaison et de Dokumentation (BILD) und der Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (GÜZ) für die deutsch-französische Freundschaft gewürdigt.

Im Sommer 1945 kommt ein Franzose nach Offenburg, der einen klar umrissenen Auftrag hat: Er soll sich als Militärseelsorger um die Soldaten seines Heimatlandes kümmern. Der 42-jährige Jean du Rivau hat bewegte Zeiten hinter sich, ein Denken in Freund/Feind-Kategorien ist ihm daher fremd – nicht nur als Jesuit und Priester.

Schon früh findet er in der Arbeit mit Jugendlichen sein Betätigungsfeld. Bei Kriegsbeginn 1939 dient er als Leutnant der Artillerie in Nordafrika und gerät 1940 in Kriegsgefangenschaft. Vier Wochen später gelingt ihm die Flucht. Er geht in die Südhälfte Frankreichs, die von den Deutschen noch nicht besetzt ist, und wird Seelsorger bei den „Chantiers de Jeunesse“, einer Organisation des Vichy-Regimes. Sie betätigt sich im Straßenbau und bei der Wiederaufforstung. Das Kriegsgeschehen kommt zurück, als du Rivau mit General de Lattre de Tassigny Ende 1944 als Militärgeistlicher in Straßburg eintrifft. Bei den erbitterten Kämpfen in den Vogesen gibt er sterbenden Soldaten das letzte Sakrament.

Offenburg heute, © Adobe Stock

In Offenburg

Im Gefolge der 1. Französischen Armee „Rhin et Danube“ landet du Rivau in Offenburg. Da existiert die Französische Zone erst seit wenigen Monaten. Seine Dienststelle wird die Basis 901 auf dem großen Kasernengelände inmitten der Stadt. Kurz nach der Ankunft hat du Rivau zwei Erlebnisse, die fortan sein Handeln prägen. Auf der von Ludwigshafen nach Mannheim führenden Rheinbrücke beobachtet er einen jungen französischen Offizier, der auf das rechte Rheinufer wechseln will. Auf du Rivaus Frage, wozu er in die Amerikanische Zone gehe, antwortet der Soldat. „Ich besuche meine Brüder“. „Was für Brüder, hast du Brüder in Deutschland?“ – „Ich bin Kommunist. Und ich sehe nach, ob es auf der anderen Seite noch Kommunisten gibt“, sagt der Leutnant. „Und wir Christen?“, ist du Rivaus spontaner Gedanke. 

Kurz zuvor hat er bei einem Treffen mit einem deutschen Pfarrer aus Ludwigsburg erkundet, wie die französischen Katholiken den deutschen Glaubensbrüdern helfen könnten: „Wir wissen weder, was man mit uns machen wird, noch wie unsere Zukunft aussehen wird, noch, was in der Welt geschieht. Wir brauchen zuallererst Informationen“, lautet die Antwort des deutschen Amtsbruders.

Das Cover der ersten Ausgabe von Dokumente im August 1945, © Verlag Dokumente
Das Cover der 2. Ausgabe von Documents im September/Oktober 1945, © Verlag Dokumente

Du Rivau nimmt den Gedanken auf. „Alles beginnt mit der Information“, lautet fortan sein Wahlspruch. Auf „weiche“ Faktoren, auf den Austausch im Kulturbereich, setzt auch die französische Militärverwaltung in Baden-Baden. Der Jesuit erfasst seine Chance und gründet in den Sommerwochen 1945 in Offenburg das Zeitschriftenpaar Dokumente/Documents; noch im gleichen Jahr kommt das Centre d’études culturelles, économiques et sociales (C.E.C.E.S) hinzu. Es wird 1948 in Bureau International de Liaison et de Documentation (B.I.L.D.) umbenannt und ist mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GÜZ) verbunden.

DasCentre Offenbourg“

Das „Centre Offenbourg“ wird schnell zum gängigen Begriff. Du Rivaus Mitarbeiter ziehen in beschlagnahmte Wohnungen in der Offenburger Weingartenstraße. Sie werden gut verpflegt und dürfen kostenlos die Bahn nutzen. Gedruckt wird bei Herder in Freiburg. Die französischen Kulturbehörden subventionieren die Projekte in einer Zeit, in der die Essensrationen mitunter auf unter 1000 Kalorien pro Tag sinken, und leisten logistische Unterstützung. Die Zuschüsse der französischen Militärbehörden sind in der Rückschau hervorragende Investitionen in die Zukunft Europas.

Du Rivau, ein Praktiker, kein Intellektueller, legt seinen Arbeitsauftrag großzügig aus. Er bereist die gesamte Zone und verschafft sich rasch einen Überblick über die allgemeine Lage. Er sieht das Elend der Menschen, aber auch den großen Bedarf an Orientierung, an spiritueller Nahrung. Über das französische Postverteilungssystem der Zone befördert er Briefe und Pakete an deutsche Adressaten.

Dokumente und B.I.L.D.

Die erste Ausgabe von Dokumente im August 1945 (!) enthält einen Hirtenbrief von Kardinal Faulhaber. In weiteren Ausgaben erscheinen Beiträge anderer katholischer Bischöfe und Stellungnahmen protestantischer Pastoren zur Lage in Deutschland und zur Situation der Kinder und Jugendlichen. Der religiöse Ansatz ist bewusst gewählt, die Namensgebung für die Zeitschriftenprodukte und Vereinigungen vermeidet bewusst das Wort Deutschland.

Das BILD-GÜZ-Logo heute

Die Gründung der Organisation B.I.L.D. in Offenburg teilt du Rivau dem Militärgouverneur General Koenig mit den Worten mit: „Ich habe Ihnen zu melden, dass seit einem halben Jahr in Ihrer Zone eine Untergrundbewegung existiert. Ich habe sie ins Leben gerufen.“ Erst von 1948 an beginnt Dokumente damit, deutsche Themen in ihrer gesamten Breite darzustellen. Es geht um Fragen des Christentums, Politik, NS-Vergangenheit, Literatur und Jugendfragen. „Für die beiden Nachbarvölker ist nichts wichtiger als sich zu kennen“, hatte Heinrich Heine 1840 geschrieben.

Erneut spielt Offenburg mit seiner Funktion als Drehscheibe und mit seinen logistischen Möglichkeiten eine wichtige Rolle. Auf dem Bahnhof und in der vom Krieg noch immer schwer gezeichneten Stadt ergeben sich Kontakte zwischen Reisenden, werden wichtige Informationen aufgenommen und weitergegeben. Es ist die Zeit für Männerfreundschaften. Viele halten ein Leben lang. Das Deutsch-Französische Jugendwerk ist ohne diesen Vorlauf kaum denkbar.

So Mancher kommt aus der deutschen Hauptstadt. Zu den ersten Mitarbeitern von du Rivau gehört Alfons Erb, ein gebürtiger Berliner. Der Diplom-Volkswirt und Hitler-Gegner arbeitet in den 1930er-Jahren für katholische Kirchenblätter und gerät vorübergehend in Gestapohaft. Als Sanitäter erlebt er die Kriegsjahre und kommt dann nach Freiburg, wo er für die Herder-Korrespondenz arbeitet. 1946 wird er Chefredakteur von Dokumente.

Von 2010 bis 2018 ist die Zeitschrift Dokumente/Documents vereint.

Zu den ersten Dokumente-Mitarbeitern in Offenburg gehören der spätere Professor für Geschichte Georg Smolka, der in Berlin zum Kreis von Admiral Canaris und damit zum deutschen Widerstand gezählt hat, sowie der Übersetzer Wolfgang Rüttenauer. Unter den Redaktionsmitgliedern gibt es ferner einige junge Männer, die in der Bundesrepublik bekannte Hörfunkjournalisten und Autoren werden: Paul Botta, Chefredakteur Hörfunk beim WDR, Franz Ansprenger, der  Professor an der Berliner FU wird, ebenso wie der zum Gründungsteam gehörende Gilbert Ziebura.

Ungeheurer Nachholbedarf

In Offenburg kommt es im zweiten Halbjahr 1945 zu einer Konzentration von Schicksalen hochinteressanter Menschen und zu einem Gedanken- und Ideenaustausch, der vor keiner Hürde Halt macht. Zu Jahresbeginn 1946 unterhält das Team von du Rivau bereits Kontakte in ganz Deutschland. Dokumente steigert im Laufe der ersten drei Jahre seine Auflage auf 65.000 Exemplare. Es existiert offenbar ein ungeheurer Nachholbedarf.

Jean du Rivau, 1954, © Verlag Dokumente

Die junge Bundesrepublik erkennt glücklicherweise die Verdienste des „Machers“ du Rivau und verleiht ihm 1954 als erstem Franzosen überhaupt die bis dahin höchste Stufe des Bundesverdienstkreuzes. Die Begründung für die Verleihung des Europa-Preises des Europarates im Jahre 1956 lautet: „Dem unermüdlichen Antreiber der deutsch-französischen Annäherung.“

Aber der Jesuitenpater ist mit seiner Mission noch nicht am Ende. Zahlreiche Freunde und Anhänger, die sich als Glücksfälle für die deutsch-französischen Beziehungen erweisen sollen, gelangen erst jetzt allmählich in Positionen, in denen sie Einfluss auf den Fortgang der deutsch-französischen Zusammenarbeit nehmen können. Erster Präsident der in Offenburg beheimateten Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (GÜZ) wird der Journalist und Schriftsteller Wilhelm Hausenstein. Der homme de lettres geht auf Bitten von Konrad Adenauer 1950 als Generalkonsul nach Paris und wird später erster Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich. Damit ist du Rivaus Mission beinahe erfüllt, er stirbt 1970.

Jochen Thies, Die Stadt der Versöhnung, Offenburg als Herz der deutsch-französischen Freundschaft; mit einem Vorwort von Wolfgang Schäuble. Morstadt Verlag, Kehl am Rhein, Mai 2022

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