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Klimawandel

Bordeaux-Weine in Gefahr

Von Birgit Holzer

Das Château Belle-Vue im Médoc, © Château Belle-Vue

21. Dezember 2019

Die Region um Bordeaux ist die bedeutendste und größte Frankreichs für den Weinbau – und ihren Traditionen verhaftet. Die zunehmenden Wetter-Extreme zwingen die Winzer neuerdings zu Experimenten, neuen Maßnahmen – und zu einer kleinen Revolution.

Wenn es wieder einmal viel zu spät im Jahr viel zu kalt ist und zu einer Zeit Minusgrade herrschen, in der die Weinreben eigentlich längst Frühlingswärme brauchen, werden die Winzer im Bordelais erfinderisch. Manche begießen ihre Reben mit warmem Wasser. Andere setzen Helikopter ein, um Luftschichten auszutauschen – denn wenn die obere Luft am frühen Morgen wärmer ist als die untere, kann es zu schweren Frostschäden kommen. Zu einem Strohfeuer wiederum griff Jérôme Pineau, Verantwortlicher für die zusammengehörenden Weingüter „Château Belle-Vue“ und „Château Bolaire“ in Macau, knapp 20 Kilometer nördlich von Bordeaux gelegen. „Die Wärme erhöht die Temperatur über dem Boden um rund 1,5 Grad – das kann entscheidend sein, um die Reben zu retten“, erklärt er.

Neben spätem Frost gehören auch Hagel oder extreme Trockenheit zu den Risiken, denen die Reben ausgesetzt sind. Diese Abhängigkeit von Kapriolen des Wetters prägte seit jeher Teil das Metier des Winzers – aber sie verschärft sich seit einigen Jahren, sagt Pineau. „Besonders hart war es 2007, als wir etwa 85 Prozent der Ernte verloren haben.“

Extreme Wetterlagen

Zahlreiche Wissenschaftler und Studien stimmen darin überein, dass die Folgen des Klimawandels, der sich in unvorhergesehenen Schwankungen und Wetter-Extremen ausdrückt, das Bordelais erreicht haben. Das gilt auch für viele andere Regionen weltweit. Doch in wenigen anderen ist der Wein derart verankert und spielt eine so entscheidende Rolle für das Renommee der Gegend; seit  2016 widmet sich ihm die „Cité du vin“ in Bordeaux. Mit 112 000 Hektar Rebfläche handelt es sich beim Bordelais um das größte zusammenhängende Gebiet für Qualitätswein. Von der Arbeit im Weinberg über jene der Handelshäuser bis zur Vermarktung besteht die Branche aus 7600 Unternehmen mit insgesamt 32 000 Jobs. Die meisten der 5800 Winzerbetriebe sind Familienunternehmen. Jedes von ihnen muss wohl notwendige Umstellungen angehen, will es überleben.

Zum ersten Mal war der Klimawandel das Hauptthema bei der großen Weinmesse Vinexpo im Mai unter dem Motto „Act for change!“, also „Handeln für den Wandel!“. Diskutiert wurde über Maßnahmen wie die Verlagerung der Pflanzen, wenn die Sonneneinstrahlung zu stark wird, das Spannen von Sonnensegeln oder den Einsatz von Kühlsystemen. Statt Angstmache zu betreiben oder in Panik zu verfallen, bemühte man sich um einen gewollt positiven Ton. „Der Weinbau hat sich immer an die verschiedenen Klimaveränderungen angepasst, die seit 8000 Jahren aufeinander folgen“, sagte der Geograf Jean-Robert Pitte. „Wir haben nie aufgehört, Fortschritte in den angewendeten Methoden zu erzielen.“ Seit zehn Jahren habe der Fachverband von Bordeaux-Wein CIVB mehr als zehn Millionen Euro in die Forschung gesteckt, um die möglichen Auswirkungen des Klimawandels zu untersuchen, sagte dessen ehemaliger Präsident, Allan Sichel, bei der Vinexpo. Zahlen belegen zunehmende Schwankungen, Hagel, späten Frost. „Wir nehmen das sehr ernst. Deshalb müssen wir jetzt handeln und unser System anpassen“, so Sichel. Dazu gehöre auch, in diesem Gebiet bisher verbotene Rebsorten zuzulassen, die resistenter sind. Allmählich verschiebt sich auch die Erntezeit nach vorne. Seit einigen Jahren forscht das staatliche Weinbau-Institut IVV in Bordeaux zu diesen Themen und baut auf einer Experimentier-Parzelle neue Rebsorten an, um zu testen, ob sie sich für die Verbreitung in der Region eignen.

Eine kleine Revolution

In diesem Sommer hat die Gewerkschaft für Bordeaux-Weine beschlossen, dass über die 13 traditionellen Rebsorten hinaus künftig sieben neue in begrenztem Ausmaß angebaut werden dürfen. Ihr erlaubter Höchstanteil wird genau vorgeschrieben. Da die Bordeaux-Weine insgesamt mit 72 verschiedenen AOC-Siegeln geschützt sind, müssen sich die Winzer an klare Vorschriften halten. Der Anteil der Anteil der „Hilfsrebsorten“ blieb bislang meist gering. Das könnte sich in der Zukunft verschieben. Bei der Zulassung neuer Sorten handele sich um eine kleine Revolution, die von der Basis kommt, versichert CIVB-Präsident Bernard Farges. „Es ist kein Gesetz, das von oben aufoktroyiert wird, sondern wir entscheiden und kontrollieren uns selbst.“

Veränderungen durchzusetzen erscheint in einer Region, die so stolz auf ihre Traditionen ist, ebenso schwierig wie unvermeidbar – das lässt Farges durchblicken. Auch gilt es als entscheidend, dass der charakteristische Geschmack von Bordeaux-Wein erhalten bleibt, dass Alkoholgehalt und Säuregrad sich nicht massiv verändern.  Zu wertvoll ist die Marke Bordeaux, gerade auch im Ausland, zu wichtig ein möglichst unverwechselbarer Geschmack.

Jérôme Pineau sieht die Weingüter, die er verwaltet, als experimentierfreudiger Vorreiter dieser jüngsten Entwicklungen. Seit Jahren setzt man im „Château Belle-Vue“ und dem „Château Bolaire“ auf einen überdurchschnittlich hohen Anteil der Rebsorte Petit Verdot, welche vor allem im 19. Jahrhundert stark verwendet wurde. Der Reifezyklus dauert  länger, die Trauben sind resistenter. „Das nutzt uns heute, auch wenn sie mehr Pflege erfordern“, sagt Pineau. „Ursprünglich ging es uns vor allem darum, uns von den anderen Weinen der Region abzusetzen und eine eigene, starke Identität zu entwickeln.“ Dass das einen untypischen Geschmack ergibt, nimmt er bewusst in Kauf. Gemeinsam mit den Strohfeuern ist diese Strategie längst eine Absicherung für möglichst gute Erträge – auch bei extremen Wetterlagen.