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Zeitzeugenstimmen

„Die beiden Figuren sagen uns, dass ein starker Wille ein gutes Ziel erreichen kann“

Ein Gespräch mit Konrad Adenauer

Bronzestatuen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in Rhöndorf (Copyright: Landry Charrier)

05. Januar 2024

Konrad Adenauer wäre am 5. Januar 148 Jahre alt geworden. dokdoc hat diesen Geburtstag zum Anlass genommen, um ein Gespräch mit dem gleichnamigen Enkel des Gründungskanzlers zu den deutsch-französischen Beziehungen sowie der Arbeit der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Rhöndorf zu führen.

dokdoc: Herr Adenauer, wo stehen Deutschland und Frankreich knapp 5 Jahre nach Unterzeichnung des Aachener Vertrags?

Konrad Adenauer: Unsere beiden Länder könnten besser dastehen. Ich vermisse auf der deutschen Seite Empathie, Leidenschaft, einen deutlicheren und intensiveren Dialog mit der französischen Seite. Es müssen konkrete Themen besprochen und beschlossen werden.

dokdoc: Sie sind 1945 in Honnef geboren. Welche Rolle hat Frankreich in Ihrer Kindheit gespielt?

Konrad Adenauer: Frankreich hat für mich immer eine besondere Rolle gespielt, insbesondere nachdem mein Großvater 1949 Bundeskanzler geworden und zusätzlich von 1951 bis 1955 Außenminister war.

dokdoc: Ihnen die ist Deutsch-Französische Freundschaft seit vielen Jahrzehnten sehr wichtig. Können Sie von bedeutenden Reisen nach Frankreich berichten, z.B. im Kontext von runden Jubiläen?

Konrad Adenauer (Copyright Konrad Adenauer)

Konrad Adenauer: Mehrere Male war ich mit unserer Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus Gast zu verschiedenen Feierlichkeiten in Colombey-les-Deux-Eglises, jeweils in Anwesenheit des französischen Staatspräsidenten. Seit fast 33 Jahren bin im Vorstand der Rhöndorfer Stiftung und habe an vielen Treffen mit der Fondation Charles de Gaulle, den Freunden von Robert Schuman und den Freunden von Jean Monnet teilgenommen. Vielfach war ich Gast von entsprechenden Jubiläums-Veranstaltungen in Bonn, Rhöndorf, Köln, Ludwigsburg, Bad Kreuznach, Paris und Reims. Ein Generalkonsul hat mich sogar einmal ins Elsass auf das Weingut seiner Familie eingeladen. In diesen Bereich gehören auch enge Kontakte zur Marcel-Proust-Gesellschaft in Köln, die der größte Proust-Sammler aller Zeiten, Herr Prof. Dr. Reiner Speck gegründet hat.

dokdoc: Am 4. September jährte sich der 60. Todestag von Robert Schuman. Im Gegensatz zum Elysee-Vertrag, dessen 60. Jubiläum Anlass zu etlichen Veranstaltungen gewesen ist, hat dieses Jubiläum kaum Aufmerksamkeit erregt. Dabei wissen wir um die Bedeutung der „Vorarbeit“, die von Robert Schuman und Konrad Adenauer geleistet wurde. Der Brief, den Adenauer gleich nach Unterzeichnung des Elysée-Vertrags an den ehemaligen Außenpolitiker schrieb, erinnert daran: „Sie haben die deutsch-französische Freundschaft ermöglicht“, heißt es in diesem Brief. Wie blicken Sie darauf?

Konrad Adenauer: In der Tat ist Robert Schuman an erster Stelle unter den Franzosen zu nennen, die Deutschland nach dem 2. Weltkrieg die europäische Perspektive eröffnet haben und der mit seinem Plan für die Montanunion und mit dem Plevenplan für eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft die Initiative ergriffen hat. Er ist der erste Vater Europas mit Jean Monnet. Charles de Gaulle wurde der Vater der Deutsch-Französischen Freundschaft und hat durch seine spätere lange Amtszeit das Andenken an Schuman leider verblassen lassen. Mein Vater und ich haben sehr bedauert, dass mein Großvater aus Rücksichtnahme auf de Gaulle nicht zu Schumans Beisetzung gefahren ist.

Konrad Adenauer im Gespräch mit Robert Schuman 1950 (Copyright: Bureau des archives de l’occupation française en Allemagne et en Autriche, MEAE)

dokdoc: „Aus Rücksichtnahme auf de Gaulle“: Was meinen Sie damit? 

Konrad Adenauer: Mein Großvater war gerade zum Ende seiner Amtszeit als Bundeskanzler und in den 3,5 Jahren, die ihm im Ruhestand noch verblieben, sehr bemüht, das zarte Pflänzchen des mit seinem Freund Charles de Gaulle 1963 unterschriebenen Freundschaftsvertrages, das den sogenannten Atlantikern in der neuen Regierung Erhard nicht gefiel, zu pflegen. So dachte er wohl, dass seine Teilnahme an der Beerdigung von Robert Schuman bei de Gaulle den Eindruck erwecken könnte, dass er „rückfällig“ würde und vielleicht den deutsch-französischen Beziehungen vor der Zeit de Gaulles nachtrauern und sich stärker an die erfolgreichen europäischen Bemühungen Schumans erinnern würde.

dokdoc: Nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollte mit der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft eine gemeinsame europäische Armee geschaffen werden. Die Pläne waren ambitioniert, scheiterten jedoch am 30. August 1954 in der französischen Nationalversammlung. Ihr Großvater sprach in diesem Zusammenhang von einem „schwarzen Tag“ für Europa. Können Sie sich an diese Zeit erinnern?

Konrad Adenauer: Ich kann mich sehr gut an das Scheitern der EVG erinnern. Mein Großvater weilte im August 1954 in seinen Sommerferien auf der berühmten Bühlerhöhe im Schwarzwald und harrte der Ereignisse in Frankreich. Wir besuchten ihn anlässlich unserer ersten Reise in die Schweiz auf der Hin- und Rückfahrt und übernachteten bei ihm im Hotel. Er war über die Nichtabstimmung in der französischen Nationalversammlung am 30. August 1954 tief deprimiert. Er sah einen wesentlichen Teil seiner Außenpolitik zerstört. Ich hörte die Nachricht in unserem Hotel auf der Bettmeralp im Walis aus dem Radiolautsprecher im Speisesaal währen des Abendessens.

dokdoc: Gegen Ende der Kanzlerschaft Adenauers besuchte Charles de Gaulle zweimal Rhöndorf. Was bedeuteten die Besuche für Ihren Großvater und wie wurden Sie vorbereitet?

Charles de Gaulle in Köln 1962 (Copyright: MEAE)

Konrad Adenauer: Von den Besuchen de Gaulles in Rhöndorf erfuhr ich erst nachträglich. Allerdings waren meine Eltern am 5. September 1962 dabei. Mein Vater hat Filmaufnahmen gemacht. Ich selbst erlebte de Gaulle an demselben Tag auf dem Kölner Rathausvorplatz, wo er vor einer großen Menschenmenge sprach. Ich habe vor wenigen Jahren dafür gesorgt, dass eine Bronzeplakette am Rathaus an de Gaulles zwei Kölner Besuche erinnert.

dokdoc: Was gefiel Ihrem Großvater an de Gaulles Persönlichkeit?

Konrad Adenauer: Mein Großvater war sicherlich von der Figur Charles de Gaulles und seinem Charisma sehr beeindruckt. Die Franzosen galten ja bei vielen Deutschen als kleinwüchsig und eher von mittelmeerischem Einschlag. De Gaulle repräsentierte den stolzen Typus des Nordfranzosen. Immerhin sind unsere beiden Länder dem germanischen Stamm der Franken entwachsen. Dazu war de Gaulle noch größer als mein Großvater, der nach deutschen Verhältnissen schon als groß galt. Wichtiger war aber die Grundhaltung de Gaulles. Er war ein Mann, der zu regieren und zu befehlen wusste, der sein Volk politisch einte und für Deutschland einen bedeutenden Partner auf Augenhöhe repräsentierte. Beide Staatsmänner besaßen die gleichen Wertvorstellungen und kamen beide nicht aus wohlhabenden Familien, sondern sie haben sich emporgearbeitet mit Pflichterfüllung und Stolz, beide haben ihren Vaterländern in vielen Funktionen gedient, besaßen reichliche historische Erfahrungen, waren beide katholische Christen, besaßen Würde und hatten Sinn für Rang und Ehre, aber auch für Opfer, schätzten die Bedeutung der Familie und hatten nur das eine Ziel, für ihr Vaterland nach vielen Kriegen gegeneinander endlich die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

dokdoc: Gibt es Anekdoten, an welche Sie sich heute noch gerne erinnern?

Konrad Adenauer: De Gaulle war – wie mein Großvater – ein Liebling der Karikaturisten. Diese hatten damals eine Hoch-Zeit. Ich denke gerne an eine Folge von Zeichnungen unter dem Titel „Wenn de Gaulle klein wäre“ und an einem Komiker, der de Gaulles deutsche Ansprachen nachahmte und parodierte.

De Gaulle war seinerzeit in aller Munde und bildete einen immerwährenden Gesprächsstoff, auch im Hinblick auf manchen Schwenk, den er vollzog. Er war in gewisser Weise unberechenbar. Dank seiner Figur und ständiger Präsenz liebten ihn die Karikaturisten. Es ließen sich auch viele Witze über ihn machen. Diese sind mir nach so vielen Jahren leider nicht mehr in Erinnerung, auch nicht die Anekdoten. Letztere entstehen in der Regel erst nach dem Tod ihres Protagonisten. Sicherlich gab und gibt es über de Gaulle viel weniger Anekdoten als über meinen Großvater, der ganze Anekdotenbände gefüllt hat. Das mag daran liegen, dass de Gaulle kein Parteiführer war und auch nicht im parlamentarischen Abwehrkampf stand. Er erschien vielmehr als der liebe Gott, der seine Entschlüsse der Welt von oben herab verkündete. Dazu war sein Familienlieben viel geheimer als das meines Großvaters.

dokdoc: „Wir müssen die Menschen nehmen, wie sie sind. Wir haben keine anderen.“ In diesem Zitat Ihres Großvaters drückt sich eine Grundhaltung aus. Nun sehen wir, dass Emmanuel Macron und Olaf Scholz wohl auch persönlich nicht zusammen können. Was würden Sie beiden Politikern empfehlen?

Konrad Adenauer: Ich würde beiden Politikern empfehlen, in Klausur zu gehen und sich den Gang unserer gemeinsamen Geschichte seit der Zeit der Merowinger erklären zu lassen, die Soldatengräber des 1. Weltkriegs und anschließend die Kathedralen von Reims und Aachen aufzusuchen.

dokdoc: Wie wird heute an Adenauers Engagement für die deutsch-französische Freundschaft erinnert und welche Rolle spielt dabei die Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus?

Konrad Adenauer: An Adenauers Engagement für die Deutsch-Französische Freundschaft erinnern vor allen Dingen unsere Rhöndorfer Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, verschiedene Denkmäler sowie Gedenksteine und -plaketten, letztlich die halbjährlichen Regierungstreffen beider Länder, das Deutsch-Französische-Jugendwerk und die fast tägliche Erwähnung in unseren Medien, auch durch den Fernsehsender ARTE.

dokdoc: Im Garten des Hauses Ihres Großvaters in Rhöndorf stehen seit 2001 zwei lebensgroße Bronzestatuen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Was können sie uns heute sagen?

Konrad Adenauer: Die Bronzestatuen de Gaulles und meines Großvaters, geschaffen von dem ungarischen Künstler Imre Varga, werden von allen Besuchern interessiert und wohlwollend angesteuert und dienen stets als Fotokulisse. Die beiden Figuren sagen uns, dass ein starker Wille ein gutes Ziel erreichen kann, wenn man sich gehörig anstrengt und seine Mitmenschen überzeugt.

dokdoc: Herr Adenauer, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Interview: Landry Charrier

Unser Gast

Konrad Adenauer, der gleichnamige Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers, wuchs gemeinsam mit fünf Geschwistern im Kölner Stadtteil Braunsfeld auf. Er war in den 1990er Jahren für die CDU Mitglied des Stadtrates und Vorsitzender des Kulturausschusses, bis 2015 zudem als Notar in Köln tätig. Heute engagiert er sich in vielen Stiftungen und Vereinen, nicht zuletzt bei den Freunden des Institut français in Köln. Seit 1991 ist er Vorstandsmitglied der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Rhöndorf.

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