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Dolmetschen

Lost in translation?

Lena Schmitz

© Nikos Fraguiadakis

10. September 2022

Auch 2022 organisierten die Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (GÜZ) in Kooperation mit dem Bureau International de Liaison et de Documentation (BILD) und mit finanzieller Unterstützung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) eine Fortbildung für Gruppendolmetscherinnen und -dolmetscher in Berlin.

Während des neuntägigen Seminars ging es zunächst darum, den 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Deutschland und Frankreich die komplexe Aufgabe des Gruppendolmetschens im Rahmen von deutsch-französischen Begegnungen zu erläutern, da es nicht nur um Sprachvermittlung geht: Um zwischen einer deutschsprachigen und einer französischsprachigen Gruppe vermitteln zu können, sind auch interkulturelle Kompetenzen und Kenntnisse in Gruppenleitung und Sprachanimation gefragt.

Praxisnahe Übungssituationen

Die vier praktischen Übungen waren das Herzstück der Fortbildung. Dabei handelte es sich im Wesentlichen um Besichtigungen mit Führung, bei denen zu Übungszwecken gedolmetscht wurde. Ziel war, möglichst authentische Übungssituationen zu schaffen und Übungen in beiden Sprachrichtungen, also aus dem Französischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Französische, anzubieten. 2022 gab es Gelegenheit, im Centre Français de Berlin, bei der Feuerwehr von Berlin-Mitte, im Regierungsviertel und bei einem simulierten Vorbereitungstreffen für deutsch-französische Jugendbegegnungen zu dolmetschen.

Das Centre Français de Berlin bot optimale Bedingungen für die erste praktische Übung. Zwei Gruppen wurden durch das Gebäude, den Kinosaal, die Gemeinschaftsgärten bis hin zu den Bienenstöcken (!) auf dem Dach des Gebäudes geführt. Die Sprachrichtung, in der gedolmetscht wurde, konnte gewählt werden.

Der Besuch der Feuerwache war durch das Fachvokabular sprachlich etwas anspruchsvoll, schließlich sind nicht nur Aufgaben und Material einer Feuerwache sehr spezifisch.

Bei der Stadtführung vor dem Reichstagsgebäude; nicht im Bild: die Nebelkrähe, Foto: Emma Tonnerieux

Bei der Führung durch das Regierungsviertel lagen die Schwierigkeiten vor allem bei den Rahmenbedingungen. Lärm, viele neue Eindrücke, Publikumsverkehr etc. machten das Dolmetschen nicht leicht, erlaubten aber, diese Facette der Aufgabe praxisnah zu erleben.

Die Besonderheit und Herausforderung der Simulation eines Vorbereitungstreffens für eine deutsch-französische Jugendbegegnung war der ständige Wechsel zwischen den beiden Sprachrichtungen. Gleichzeitig musste in bestimmten Situationen auch eine interkulturelle Vermittlerrolle zwischen der französischsprachigen und der deutschsprachigen Organisatorin der Jugendbegegnung eingenommen werden.

Gruppendolmetschen = Dolmetschen + Sprachanimation + Interkulturalität

Für die sprachlich sehr anspruchsvollen praktischen Übungen war viel Fachvokabular erforderlich; dazu bedurfte es einer Vorbereitung, u. a. der gemeinsamen Erstellung von jeweils einem Glossar pro Fachgebiet.

Zwischen diesen Übungen gab es regelmäßig neuen Input: Einheiten zu Mnemotechniken, Notizentechnik, Sprachanimation, interkulturellen Fragen und unübersetzbaren Wörtern lieferten immer wieder neue theoretische Grundlagen und Denkanstöße. Dabei wechselten sich theoretische Blöcke mit praktischen Übungen ab. Um die Möglichkeit zu geben, Kompetenzen in Sprachanimation und in der Gestaltung von Gruppenabenden zu erlangen, gab es täglich mehrere Zeitfenster. Mit der Unterstützung des vierköpfigen Ausbilderinnen-Teams erprobten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer meist zu zweit oder in Kleingruppen Sprachanimationen oder Energizer oder gestalteten das Abendprogramm.

Authentische Gruppendynamik

Trotz des vollen Programms gab es Gelegenheit, auf eigene Faust Berlin zu erkunden und zu erleben. Durch das große Interesse an der Sprache und Kultur des Nachbarlandes seitens des frankophonen Teils der Gruppe war eine gemeinsame Grundlage geschaffen, die schnell zu einer positiven Gruppendynamik führte –  eine einmalige Gelegenheit, eine deutsch-französische Begegnung hautnah zu erleben, in der Fremdsprache zu sprechen, sich auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen.

Die BILD-GÜZ-Fortbildung für Gruppendolmetscherinnen und -dolmetscher findet einmal jährlich statt. Sie richtet sich an Erwachsene mit guten Sprachkenntnissen in Französisch und Deutsch (Mindestanforderung: Niveau B 1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen). Im besten Fall haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereits Erfahrungen im Bereich deutsch-französischer Jugendbegegnungen.

Die Kunst der Übersetzung

Bei unserer Fortbildung für Gruppendolmetscherinnen und -dolmetscher in Berlin wurde die Gruppe immer wieder mit möglichen Fehlerquellen und Schwierigkeiten bei der Übersetzung konfrontiert wie folgende Beispiele zeigen.

Falsche Freunde

Sogenannte falsche Freunde (faux amis) gibt es für Deutsche auch im Französischen. Der Klassiker: Gerne übernehmen Deutsche das Wort Baiser – im Französischen aber ist un baiser ein Kuss und der Einweiß-Tuff la meringue – ein Missverständnis, das in einer Konditorei schnell peinlich werden kann („Je voudrais un baiser“ = „Ich möchte einen Kuss“). Auch ist blouse keine Bluse, sondern ein Kittel, bagage nicht die Bagage, sondern das Gepäck und feuilleton nicht das Feuilleton, sondern ein Fortsetzungsroman usw.

Interkulturalität

Wie aber übersetzt man den in Frankreich unbekannten Bauspielplatz ins Französische? Indem man ihn (umständlich) erklärt, anders geht es nicht: Un terrain d’aventure où des matériaux et des outils sont mis à diposition des enfants et adolescants pour construire par exemple des cabanes. Das Beispiel zeigt, wie wichtig es bei einer Übersetzung ist, die Kultur des anderen Landes gut zu kennen, Stichwort: Interkulturalität.

A propos: Der Stadtführer, der die Gruppe auf Französisch durch das Regierungsviertel führte, war ein frankophoner Schweizer, der nicht nur mit den Schweizer Zahlwörtern überraschte („nonante“ statt „quatre-vingt-dix“), sondern vor dem Reichstagsgebäude auf die in Berlin weit verbreitete Nebelkrähe zu sprechen kam.

Synonym, Hyperonym, Antonym, Assoziation

Auf einen solchen Begriff ist man in der Regel nicht vorbereitet. Unsere Dolmetscherin stockte daher kurz, meisterte die terminologische Lücke aber dann sehr gut mit Witz und einer kleinen Umschreibung: „Dieser Vogel ist eine für die Region typische Art Rabe.“(Cet oiseau est une espèce de corbeau très typique de la région) und zeigte dabei auf die Nebelkrähe – eine von verschiedenen Strategien zur Wortüberbrückung (Synonym, Hyperonym, Antonym, Fremdsprachen-Assoziation u. a.).

PS: Die Krähe = la corneille; die Rabenkrähe = la corneille noire; die Nebelkrähe = la corneille mantelée.

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