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Schüleraustausch

Außerschulische Begegnungen

Von Wulf Conrad

Projektarbeit in binationalen Teams birgt jede Menge interkulturelle Stolpersteine. © Adobe Stock

23. September 2019

Außerschulische Jugendbegegnungen inspirieren und beleben den klassischen Schüleraustausch. Was bei der Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (GÜZ) und dem Bureau International de Liaison et de Documentation (BILD) seit Jahrzehnten die Jugendarbeit prägt, hat seit langem auch einen positiven Einfluss auf deutsch-französische Begegnungen im schulischen Kontext.

Der französische Fortbildungstitel „L’échange scolaire – tout projet !“ macht beinahe noch mehr Lust und motiviert seit mittlerweile über zehn Jahren Kolleginnen und Kollegen aus Frankreich und Deutschland, sich in einer fünftägigen bilateralen Lehrerfortbildung mit Methoden der Sprachanimation und Projektpädagogik auseinanderzusetzen. Was sich seit vielen Jahren in außerschulischen deutsch-französischen Begegnungen bewährt hat, lässt sich auch im institutionellen Kontext des Schüleraustausches anwenden. Dabei geht es nicht zwangsläufig um eine Abwendung vom klassischen Schüleraustausch in Richtung von Drittortbegegnungen, sondern darum, wertvolle Elemente und Methoden in die Begegnung am Ort des Partners zu integrieren.

Drittortbegegnungen

Was in den Drittortbegegnungen von Bild-GüZ durch gute Rahmenbedingungen und speziell für diesen Kontext ausgebildete Gruppenleiter immer wieder intensiv und nachhaltig gelingt, muss man sich auch in der Schule in Absprache mit Partnern erst erarbeiten. Projektarbeit beginnt im Lehrerteam und bietet, neben für alle Beteiligten spannenden Möglichkeiten, jede Menge interkulturelle Stolpersteine. Da macht es Sinn, sich eine solide Basis zu schaffen, die ähnlich wie später in deutsch-französischen Schülergruppen, kreatives Miteinander ermöglicht und den Schülerinnen und Schülern zeigt, dass es lohnt, sich mit Menschen anderer Kulturen zu beschäftigen und gemeinsam aktiv zu werden.

Gemeinsamkeiten nutzen, Unterschiede anerkennen

Für unsere Schülerinnen und Schüler sind interkulturelle Begegnungen, insbesondere die ersten Schritte aufeinander zu, spannend und oft von gewissen Hemmungen begleitet. Wer und was kommt da eigentlich auf mich zu? Werden wir uns verstehen und verständigen können? Haben wir auch etwas gemeinsam, das uns verbindet? Die letzte Frage ist eine wichtige und ein Schlüssel zum Erfolg einer Begegnung. Das Entdecken von Gemeinsamkeiten (z.B. gemeinsame Hobbies, Vorlieben, Erlebnisse) bietet erste Anknüpfungspunkte und kann Brücken zwischen Menschen schlagen. Dabei geht es nicht darum, kulturelle Unterschiede zu verleugnen oder bewusst zu überspielen, sondern zunächst eine gemeinsame Ebene zu finden, auf der man Differenzen besser wahrnehmen, annehmen und im besten Fall sogar wertschätzend anerkennen kann.

Wie können diese ersten Schritte ganz konkret aussehen? In der Sprachanimation wie sie z. B. auch das Deutsch-französische Jugendwerk entwickelt hat, wird die Begegnung von Jugendlichen schrittweise und pädagogisch sinnvoll begleitet. In einer ersten Phase geht es um die Enthemmung, das Kennenlernen und das Zusammenwachsen als binationale Gruppe. Dafür reichen in der Regel einfache Spielformen (z.B. Platzwechsel im Sitzkreis „Alle, die ein Musikinstrument spielen / gerne Pizza essen / ein Haustier haben / …, wechseln den Platz.“), die viel freie Bewegung ohne hohen sprachlichen Anspruch ermöglichen.

Per Tandem

In den Phasen des Spracherwerbs und der Systematisierung geht es dann zunehmend darum, eine gemeinsame Sprache zu finden und eine Verständigung für Projektphasen aber auch den Alltag zu ermöglichen. Auch hier können einfache deutsch-französische Tandembögen, bei denen z. B. jeder Experte für seine Sprachseite ist, einen wertvollen Grundwortschatz legen für eine spätere kreative Produktion im Sinne eines Projektergebnisses sein. Die große Chance, die es in jedem Falle zu nutzen gilt, ist die Tandemmethode, in der jeder noch so junge Lerner einer Fremdsprache gleichzeitig als Experte seiner Muttersprache wirken und seinen Partner beim Spracherwerb unterstützen kann. Eine tolle Fundgrube für die Gestaltung dieser Phasen stellt die Sprachanimation des Deutsch-französischen Jugendwerks dar.

Bei diesen Prozessen der Annäherung und Interaktion sollten alle Beteiligten, vor allem die Schülerinnen und Schüler eine wichtige Rolle spielen, während die betreuenden Lehrkräfte eher Rahmenbedingungen schaffen und die Begegnung animieren. So können junge Menschen durch Selbstbestimmung und Partizipation das Projekt wirklich zu ihrem machen und Verantwortung für ihre Begegnung übernehmen.

Begegnungen animieren und umsichtig begleiten

Dieser Rollenwechsel und eine zunehmende Autonomie auf Schülerseite bedeutet für uns Lehrerinnen und Lehrer, mit komplexen und manchmal unvorhersehbaren Situationen umgehen zu müssen. Auf der anderen Seite gibt er uns ganz neue Spielräume und die Chance, andere Lehrerfunktionen wahrzunehmen: eine genaue Beobachtung aller Beteiligten, das Steuern gruppendynamischer Prozesse und nicht zuletzt die schöne Rolle des Animateurs – ein Begriff, der im Französischen positiver besetzt ist als im Deutschen und das lateinische Wort anima (die Seele) beinhaltet.

Der Weg in Richtung Projektorientierung auch in kleinen bescheidenen Schritten erfolgen. Vermutlich sollte er das sogar, wenn man berücksichtigt, dass deutsche und französische Verantwortliche mit ihren ganz eigenen Vorstellungen und unterschiedlichen Möglichkeiten Schritt halten müssen. Oft sind es kleine Ergebnisse (wie ein gemeinsam erfundenes Spiel, ein kleines deutsch-französisches Kochbuch, ein lustiger Videoclip etc.), die als erreichbare Ziele eine verbindende Wirkung haben und von den Schülerinnen und Schülern als gemeinsamer Erfolg wahrgenommen werden.

Hilfreiche Tipps wie man einen Austausch zunehmend projektorientiert und austauschpädagogisch gestalten kann, bietet der Beitrag Projektpädagogik im Schulaustausch, der in Anlehnung an die Fortbildung und in Kooperation mit dem Deutsch-französischen Jugendwerk veröffentlicht worden ist und interessante weiterführende Hinweise enthält.

Der Verfasser leitet seit vielen Jahren bilaterale Lehrerfortbildungen mit den Themenschwerpunkten Austauschpädagogik, Sprachanimation, Interkulturelles Lernen und virtueller Austausch und war lange Jahre Betreuer und Ausbilder bei der GÜZ.

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