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59 Rivoli

Insel der Originalität

Von Martin Vogler

Bunt wie das ganze Haus: der Briefkasten am Hauseingang, © Martin Vogler

10. November 2021

In der vornehmen Pariser rue de Rivoli und ihren luxuriösen Geschäften ist das Haus Nummer 59 ein Fremdkörper, der an dieser Stelle überrascht: Die Darstellung von Geistern, wehende Transparente und bunte Installationen an seiner wilden Fassade ziehen jedoch neugierige Blicke an.

Wer hineingeht, betritt einen der spannendsten Kunstorte der französischen Hauptstadt. Denn „Le 59“ ist im schicken und teuren Paris eine ganz besondere Adresse. Hier arbeiten über 30 internationale, eher unbekannte Künstlerinnen und Künstler in einer Atmosphäre, in der noch der Geist der revolutionären 1968er-Jahre zu wehen scheint. Was aber strenggenommen ein Trugschluss ist. Denn diese kreative und sicher auch ein wenig verrückte, zur Institution gewordene Location besteht erst seit 1999. Alles begann damit, dass am 1. November 1999 ein Künstlerkollektiv das lange leerstehende Gebäude einer Bank einfach besetzte. Es wurden illegal Ateliers eingerichtet, in denen man lebte und arbeitete. Doch anders als bei vielen Hausbesetzungen war das Gebäude von Anfang an für alle geöffnet. Schon im ersten Jahr kamen 40.000 Kunstinteressierte.

59 rue de Rivoli, © Martin Vogler

Dieser Erfolg machte Eindruck – selbst bei der Stadtverwaltung von Paris, wo ein kleines Wunder geschah: Die Besetzerinnen und Besetzer wurden nach einigem Hin und Her nicht hinausgeworfen, ein Gerichtsbeschluss zur Räumung nicht vollstreckt. Stattdessen kaufte die Stadt dank dem Einsatz des damaligen Bürgermeisters Bertrand Delanoë das Gebäude und ließ es bis 2009 so renovieren, dass sein Charakter erhalten blieb. 59 Rivoli ist heute etablierter Teil der Pariser Kunstszene; gleichzeitig beansprucht es für sich, einer der ältesten alternativen Orte inmitten einer ansonsten „musealen“ Hauptstadt zu sein. Von Anfang an begriff sich das Haus als drittwichtigste Stätte zeitgenössischer Kunst der Stadt – direkt nach dem Centre Pompidou und der Nationalgalerie Jeu de Paume, die von hier aus beide fußläufig erreichbar sind.

Zwischen den beiden Adressen und lediglich einen Katzensprung entfernt hingegen liegt ein Gebäudekomplex, bei dem der Kontrast zum eher anarchisch anmutenden Künstlerhaus nicht größer sein könnte, und das trotz integrierter Sozialwohnungen sehr viel besser in die Shopping-Meile rue de Rivoli zu passen scheint: das im Juni 2021 nach sechzehn Jahren Schließung und Umbauphase wiedereröffnete Luxuskaufhaus Samaritaine, Sinnbild für Luxus, Reichtum, Eleganz. Zwischen diesem Tempel des Konsums und dem „59“ liegen nur wenige Schritte – aber Welten.

Atelierhaus und Kunstgalerie

Die immer wieder variierende Fassadengestaltung an dem eigentlich klassischen Stadthaus aus der Zeit Haussmanns ist ein Hingucker. Da stört es optisch kaum, dass links vom Eingang ein amerikanisches Kosmetikunternehmen seine Produkte verkauft. Auf der rechten Seite hingegen befindet sich auf zwei Etagen die Galerie für Wechselausstellungen „59 Bis“ (rue de Rivoli 59 b). Auch hier geht es vor allem um internationale, kulturelle Vielfalt.

Gesamtkunstwerk Treppenhaus, © 59 Rivoli

Das Herzstück von 59 Rivoli, die 30 Ateliers, erreicht man über eine relativ enge Treppe, die selbst schon ein Kunstwerk ist. Das sechsstöckige Treppenhaus ist bis in den letzten Winkel bemalt. Manchem mag es, wenn ihn beim Hochsteigen im Halbdunkel Fratzen anstarren, etwas mulmig werden; in den Ateliers selbst hingegen erlebt man eine sehr lebhafte Mischung aus Fotos, Zeichnungen, Malerei der Skulpturen. Jeder Raum wirkt anders, ebenso der Stil der Werke. Die Künstlerinnen und Künstler sind teilweise präsent, trinken Kaffee, plaudern gerne mit Besuch und freuen sich natürlich, wenn ihnen jemand etwas abkauft. Das Betreiberkollektiv legt Wert darauf, dass Kunst „sehr persönlich und demokratisch“ sei und will gleichzeitig dafür sorgen, das heutzutage recht karge Pariser Atelierangebot zu erweitern.

Internationale Diversität

Der einladende Eingang, © 59 Rivoli

Die Hälfte der etwa 30 Künstlerinnen und Künstler arbeitet dauerhaft in dem etwas chaotisch anmutenden Haus (wohnen darf hier nach der Legalisierung niemand mehr), 15 bleiben drei bis sechs Monate – was Austausch, Entwicklung, Internationalität, Offenheit und  kulturelle Vielfalt garantiert. Die Miete für ein temporäres Atelier (für das man sich bewerben kann) beträgt nur 150 Euro im Monat – angesichts der Mietpreise in Paris ein geradezu unglaublich günstiger Preis. Alle drei Monate kommt eine „neue Welle“ („une nouvelle vague“) von Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt; ständig sind („in normalen Zeiten“) Werke von mehr als 200 Artists in residence sowie Externen ausgestellt.

Finanziert wird das Haus – jährlich entstehen ca. 80.000 Euro Kosten (wobei die Stadt Paris nur eine geringe Miete verlangt und so das Projekt unterstützt) – mit Hilfe von Mäzenen, durch die Vermietung der Ateliers und Spenden (auch direkt vor Ort); der Eintritt selbst ist kostenlos. Vor Corona war die Finanzierung kein Problem; in der Pandemie aber wurde es nach zehnmonatiger Schließung eng, sodass im Sommer 2021 ein Hilferuf durch die Medien ging, u. a. im LeParisien.

59 Rivoli ist derzeit wieder täglich, außer montags, von 13 bis 20 Uhr geöffnet. Am Wochenende finden auch Konzerte fast aller musikalischer Stilrichtungen statt – passend zum Konzept des Hauses.

Linktipps

59 Rivoli online; aktuelle Ateliers

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1 Kommentar/Commentaire

  1. Merci Martin Vogler pour cet excellent article. Un endroit qu’il faut absolument avoir vu, après la Tour Eiffel bien sûr 😉 J’y ai toujours été trés bien accueillie. Et ceci depuis 1999 !

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