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Georges Brassens

Kein Schnee von gestern

Cornelia Frenkel

© picture alliance / Hans Lucas | Daniel Derajinski

29. November 2021

Georges Brassens (1921–1981) lebt in den Herzen der Fans französischer Chansons weiter. Zu seinem 100. Geburtstag ist in Deutschland eine zweisprachige Ausgabe seiner Texte erschienen.

Er hat einen unverkennbaren Sound mit Gitarre hervorgebracht und dazu frivole, sarkastische, skandalöse, aber auch heitere Texte. In den Chansons von Georges Brassens, der als Poet unter den Sängern gilt, kann das Abenteuer des Lebens sofort an jeder Straßenecke beginnen (Il suffit de passer le pont), ob nun bei Wind oder Regen (Le parapluie, L‘orage).

Das Alter spielt bei allen wichtigen Dingen des Lebens keine Rolle, heißt es in den originellen Versen von Le temps ne fait rien à l’affaire, denn wer ein Idiot ist, ob jung oder alt, der bleibt eben einer. Spätestens in den 1960er-Jahren konnte man den Großmeister des französischen Chansons auch im deutschen Radio hören; so wie der Schriftsteller und Übersetzer Gisbert Haefs, der – zum 100. Geburtstag von Georges Brassens – fast fünfhundert Chansons ins Deutsche übertragen und teilweise nachgedichtet hat.

Tabulose Sprache

George Brassens, dessen Kompositionen stark vom Jazz geprägt sind und bei Konzerten von einem Kontrabass begleitet wurden, hat viele Musiker beeinflusst: Jean Ferrat, Maxime Le Forestier und Barbara interpretierten seine Chansons, und mit Charles Trenet und Juliette Gréco trat er manchmal im Duo auf.

Deutsche Liedermacher, etwa Degenhard, Hannes Wader und Reinhard Mey, waren hingerissen von seinem freimütigen Stil, der sich für die Nachkriegsgeneration erfrischend vom schmalzigen Pathos absetzte, das damals in der deutschen Liedkultur noch vorherrschte.

Mit einer tabulosen Sprache hat Brassens entschieden gegen den guten Geschmack verstoßen, wenn er z. B. sakrale und sexuelle Flüche verdreht (Le Pornographe, La Ronde des jurons). Nicht nur einmal landete er auf dem Index, etwa mit seinem Seitenhieb auf die Todesstrafe (Le Gorille), die in Frankreich erst 1981 abgeschafft wurde.

Eine Erfahrung taucht bei ihm immer wieder auf, so in der Chanson pour l’Auvergnat, dass nämlich die einfachen Leute, eine Wirtin, ein Köhler oder ein mitfühlender Fremder, meist hilfsbereiter sind als saturierte Bürger. Durch sein gesamtes Oeuvre zeigt er für solche Menschen Sympathie (Les copains d’abord, Le vieux Léon) und hält sie der Freundschaft für fähiger als andere.

Im Verhältnis zu Frauen war er kein Kind von Traurigkeit; er besingt es bald derb (Cupidon s’en fout), bald als graziöser Troubadour (Dans l‘eau de la claire fontaine, Je me suis fait tout petit). Seine tatsächlichen Liebschaften hielt er geheim, heiraten war nicht seine Sache (La non-demande en mariage). Empathie hingegen zeigt er nicht zuletzt für das Los unterdrückter Frauen (La complainte des filles de joie, Le bistrot). Zwar war er seinen Kritikern um Längen voraus, ob aber sein Lied Misogynie à part heute noch ohne Shitstorm bliebe, sei dahingestellt.

Diskret, schüchtern – und anarchisch

Im südfranzösischen Sète geboren, hat George Brassens vorwiegend in Paris gelebt. Diskret und schüchtern sei er gewesen, anarchisch, aber Kämpfen gänzlich abgeneigt; für Ideale in den Krieg zu ziehen, schien ihm zweifelhaft (Mourir pour des idées). Auch jeder Gruppenseligkeit gilt seine Skepsis; sich selbst stellt er fröhlich als störendes Unkraut dar (La mauvaise herbe)und verkündet: „Der Plural taugt nichts für den Menschen / und sobald man / Mehr als vier ist / ist man ein Haufen Ärsche“ (Le pluriel).

Ungestört zu sein war ihm wichtiger als Ruhm (Les trompettes de la renommée). Akribisch feilte er an der Form seiner Chansons, verfügte über detaillierte Kenntnisse der französischen Literatur und Lyrik, war vertraut mit Verlaine, Prévert und Valéry. Mit Les amours d’antan verweist er auf die berühmte Ballade des dames du temps jadis von François Villon, deren Refrain „mais où sont les neiges d’antan“ sich einem breiten Publikum eingeprägt hat.

Die eigenen Kriegserlebnisse beschäftigten Brassens wenig, obwohl er 1943/44 in Basdorf bei Berlin (wo ihn heute ein Platz ehrt) Zwangsarbeit leisten musste. Feierlich und ironisch zugleich wird aber in Les Deux Oncles an die Vergeblichkeit des Krieges erinnert; denn einer seiner Onkel ist im Krieg gegen die Deutschen gefallen, ein anderer in einem gegen die Engländer. Wären sie nicht tot, würden sie gerne noch sagen: „Es ist völlig verrückt, sein Leben für Ideen zu riskieren (…) ein kleines Forget me not für meinen Onkel Martin / ein kleines Vergissmeinnicht für meinen Onkel Gaston / armer Freund der Tommys, armer Freund der Teutonen (…).“

Verfügbares Oeuvre

Wer keine Schallplatten und CDs von Georges Brassens nebst Geräten aus alten Zeiten besitzt, kann auf youtube und bei Streaming-Diensten wie Spotify fast sein ganzes Werk abrufen. Das unerschöpfliche akustische Reservoir lässt sich mit der Übertragung der – als eigentlich als nicht übersetzbar geltenden – Texte nun durch ein besseres Verständnis der Inhalte ergänzen; denn wie sich bei Brassens Gedanken mit Klängen verbinden, vom poisson d’avril bis zur fine fleur de la populace, das erschließt sich nicht immer auf Anhieb und bedarf mitunter der Entschlüsselung.

Georges Brassens, Die Chansons. Französisch/Deutsch; herausgegeben, übersetzt und mit einem Vorwort von Gisbert Haefs. Mandelbaum Verlag, Berlin/Wien, 2021

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