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1831–1856

Heine im Pariser Exil

Antje Kahnt

In der Site Richelieu der Bibliothèque nationale de France, © Adobe Stock

01. Mai 2022

Am 1. Mai 1831 fuhr Heinrich Heine „über den Rhein“, um sich in Paris niederzulassen: „Ich bin ein Sohn der Revolution“ hatte er im Vorjahr unter dem Eindruck des Juliaufstands 1830 in sein Tagebuch geschrieben.

Die ersten Wochen richtete sich Heine im früheren Hôtel des Ambassadeurs nahe des Palais Brongniart ein, der Pariser Börse, an der er sich in seinen Schriften immer wieder rieb, obwohl er durch Zuwendungen seines Gönners James de Rothschild selbst von Spekulationen profitierte. Einer seiner ersten Gänge führte ihn nur ein paar Schritte weiter zur Bibliothèque royale. Die heutige Site Richelieu der Bibliothèque nationale de France wurde erst kürzlich nach rund zehnjähriger Bauzeit wiedereröffnet und ist mit den beiden historischen Lesesälen, dem neuen Museum zur Sammlungsgeschichte und dem vormaligen Wohnsitz Cardinal Mazarins innerhalb kürzester Zeit wieder das Ziel von Kulturpilgern geworden.

„Fragt Sie jemand, wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: wie ein Fisch im Wasser. Oder vielmehr, sagen Sie den Leuten, dass, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: Ich befinde mich wie Heine in Paris.“

Natürlich eilte er in den Salon des Louvre, um Delacroixs monumentales Bild des Juliaufstands von 1830 zu sehen und erklomm die „Spitze der Welt“: die Kuppel des Panthéons. Schnell arbeitete Heine als Korrespondent verschiedener Zeitungen. Für die deutsche Leserschaft berichtete er über seine Eindrücke auf den Straßen von Paris, das politische und das kulturelle Leben.

Die Kuppel des Panthéons, © Adobe Stock

So prangerte er die hygienischen Zustände an, die im Frühjahr 1832 zum Ausbruch der Cholera führten und den Tod Tausender verursachte, und er amüsierte sich über den in Honoré Daumiers Karikaturen zur „Birne“ stilisierten Bürgerkönig Louis Philippe. Seine fehlende Scheu, die „Obrigkeit“ bloßzustellen und mit seiner Feder soziale Missstände anzuprangern, brachte ihn in Preußen auf den Index. Als Mitarbeiter der in Paris herausgegebenen deutschsprachigen Zeitung Vorwärts (184445) wurde er mit Haftbefehl gesucht und wäre um ein Haar aus Frankreich ausgewiesen worden. Nach zwei Reisen zu seiner Familie in Hamburg war ihm nach 1844 die Rückkehr nach Deutschland jedoch aus politischen, zunehmend auch aus gesundheitlichen Gründen verwehrt.  

Als regelmäßiger Opern- und Konzertbesucher fand Heine als Theaterkritiker eine weitere Betätigung. Besonders Giacomo Meyerbeer, den Heine bereits vor seinen Pariser Jahren kennengelernt hatte, hatte es ihm angetan. Vor Uraufführungen lud sich Heine gern zum Diner bei dem erfolgreichen Opernkomponisten ein und verließ das Haus des mal gelobten, dann wieder mit möglichen schlechten Kritiken erpressten Maestros selten ohne eine Geldzuwendung. Zu französischen wie deutschen Literaten pflegte Heine zahlreiche Kontakte. Von Zeit zu Zeit besuchte er die Sitzungen der ehrwürdigen Académie Française unter der Kuppel von Le Vau, doch in den vierzig „Unsterblichen“ sah er vor allem „viele unbekannte Leichen“.

»Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt, dann öffnet er das Fenster und betrachtet die Boulevards von Paris.«

Die Passage des Panoramas heute, © Antje Kahnt

Mit Vorliebe tummelte sich der geborene Flaneur Heine auf den großen Boulevards und in den wie Pilze aus dem Boden schießenden mit Glas überdachten Passagen, wo die Damen von Welt – und der Halbwelt – verkehrten. In der heute noch erhaltenen zweitältesten Galerie, der Passage des Panoramas, soll Heine auch die neunzehnjährige Augustine Crescence Mirat getroffen haben, die dort im Schuhladen ihrer Tante aushalf. Wegen des für ihn fast unaussprechlichen Namens nannte er sie Mathilde; sie wurde zu seiner ständigen Gefährtin.

Obwohl sie Heines Schriften nicht verstand und ihn mit ihrer piepsigen Stimme, ihren kichernden Freundinnen und lärmenden Papageien zur Verzweiflung brachte, konnte er sich nicht von ihr trennen. Als Heine im Zuge seines langwierigen, mit spitzer Feder und härtesten Bandagen ausgetragenen Disputs mit Ludwig Börne („großer Dichter und kleiner Mensch“) dessen Gönner, den Bankier Salomon Strauss, beleidigt hatte und 1841 zum Duell geladen wurde, wollte Heine seine Mathilde versorgt sehen. Um sie in der Kirche Saint-Sulpice heiraten zu können, wechselte der in eine jüdische Familie geborene, seit seinem Juraexamen evangelische Heine nochmals offiziell den Glauben und wurde „nicht bekennender“ Katholik.

Einige Jahre zuvor hatte er in Saint-Germain sein Domizil in der heutigen Rue Bonaparte und lernte in der Nachbarschaft seine sehr verehrte „Cousine“ George Sand kennen, die zu der Zeit am Quai Malaquais wohnte. Er folgte ihr auch Mitte der 1830er Jahre in den Stadtteil Nouvelle Athènes, wo George Sand mit Frédéric Chopin bis zu ihrem Zerwürfnis 1847 in trauter Nachbarschaft am Square d‘Orléans residierte, während Heine im 9. Arrondissement wegen lärmender Nachbarn von einem Logis ins nächste wechselte. 1836 zog er mit Mathilde in die 3, Cité Bergère, zwei Jahre später richtete er sich in der 23, rue des Martyrs, ein. Diese komfortable Wohnung konnte er möglicherweise aus finanziellen Gründen nicht halten und kam 1840 in der 25, rue Bleue, unter. Nach einem Jahr zog er in den 4. Stock der 72, rue du Faubourg Poissonière, wo er bis 1846 lebte und heute eine Plakette an „Henri Heine“ erinnert.

„Wenn ich mich zur Zeit meines Ablebens in Paris befinde und nicht zu weit von Montmartre entfernt wohne, so wünsche ich auf dem Kirchhofe dieses Namens beerdigt zu werden, da ich eine Vorliebe für dieses Quartier hege, wo ich lange Jahre hindurch gewohnt habe.“

Heines Grab in Paris, © Antje Kahnt

Von zwischenzeitlicher Blindheit und ersten Lähmungserscheinungen geplagt, wechselte er in den Folgejahren die Quartiere im vierteljährlichen Rhythmus, bis ihn seine Gebrechlichkeit ab 1848 in der 50, rue Amsterdam, zum Bleiben zwang. Besucher und Korrespondenz hielten nun für ihn den Kontakt in die „Zauberstadt“ und in die Welt. Wenn es sein Zustand erlaubte, schrieb er an seinen Memoiren, ordnete Fragmente und versuchte, seine Projekte zu vollenden. Anderthalb Jahre vor seinem Tod am 17. Februar 1856 verlegte er seine „Matratzengruft“ doch noch einmal, in die 3, Avenue Matignon. Freundin der verbleibenden Monate wurde Elise Krinitz („la mouche“), die auch die letzten diktierten Zeilen Heines zu Papier brachte. Seinem Sarg folgten rund 100 Personen auf dem Friedhof von Montmartre, ein gutes Vierteljahrhundert später wurde „Frau Heine“ an seiner Seite bestattet.

Zu seinem Geburtstag und an Allerheiligen lässt die Stadt Düsseldorf dem wohl am 13. Dezember 1797 in der Düsseldorfer Altstadt als Harry Heine Geborenen alljährlich einen Kranz auf seine Pariser Grabstätte legen – aus Stolz und sicher auch aus schlechtem Gewissen für den lange ignorierten großen Sohn der Stadt. Abweichende Geburtsdaten brachte Heine selbst in Umlauf, zum Beispiel den 31.12.1799 – mit dem Fuß „im neuen Jahrhundert“.

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