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Musikgeschichte

Piafs jüdischer Pianist

Ein Gespräch mit Thilo Dahlmann

Édith Piaf, Rotterdam, 1962 © Wikimedia Commons

05. Dezember 2023

60 Jahre nach dem Tod von Édith Piaf blickt dokdoc auf Leben und Werk ihres Pianisten. Norbert Glanzberg ist in Polen geboren, in Würzburg aufgewachsen und nach der Machtübernahme der Nazis nach Frankreich geflohen. Dort schrieb er mit Édith Piaf Musikgeschichte. Ein Gespräch mit Thilo Dahlmann, Professor für Gesang an der Musikhochschule Stuttgart.

dokdoc: Norbert Glanzberg ist in Polen geboren und hat in Frankreich Musikgeschichte geschrieben. Aber Deutschland hat ihn besonders geprägt. Wie kam es dazu?

Thilo Dahlmann: Flucht und gesellschaftliche Ablehnung sind Wegmarken im Leben von Norbert Glanzberg. Er wird 1910 in Galizien, in der heutigen Ukraine, geboren – in einer Stadt, in der Juden damals die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Das Leben der Familie ist von Armut geprägt und von der ständigen Angst vor Überfällen der Kosaken. In Norberts erstem Lebensjahr flieht die Familie ins Deutsche Reich. Ihr ergeht es vermutlich so wie vielen jüdischen Familien, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ins Deutsche Kaiserreich eingewandert sind: Sie erlebte sowohl den offenen als auch verdeckten Antisemitismus sehr stark am eigenen Leib.

dokdoc: Und dann kam die Weimarer Republik und mit ihr die langersehnte vollständige Gleichstellung der Juden. Die Juden konnten sich in dieser Zeit kulturell entfalten.

Thilo Dahlmann: ja, und zwar sehr schnell. Mit 19 Jahren beginnt Glanzbergs rapider Aufstieg. Bis zur brutalen Zäsur, im März 1933. Glanzberg hatte es vorher als junger Komponist der UFA, wo er Filme von Billy Wilder vertont und Lieder für die Comedian Harmonists geschrieben hat, zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. 1932 hetzte Goebbels persönlich über ihn, als er in einem Artikel über jüdisch-gläubige Menschen im Filmgewerbe herzog. Im März 1933 wird er dann gewarnt: Die Gestapo wolle ihn verhaften. Er flieht Hals über Kopf nach Frankreich. Er spricht zunächst kein Wort Französisch, hat in Paris fast keine Kontakte, und muss sich in dieser Zeit mit allerlei prekären Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Es dauert lange, bis es ihm gelingt, als Gelegenheitsmusiker etwas Geld zu verdienen.

dokdoc: Wie sicher ist Glanzberg in Frankreich?

Plakette am Geburtshaus von Norbert Glanzberg © Wikimedia Commons

Thilo Dahlmann: Wenn wir uns die politische Situation im Europa der 1930er Jahre anschauen, ist Frankreich ein relativ sicheres Land für Juden. Nichtsdestotrotz: Es gibt eine ganze Reihe von Komponisten, die ähnlich wie Glanzberg nach Frankreich geflohen sind, die dann aber schnell versucht haben, weiter nach England, aber vor allem nach Amerika zu fliehen. Das lag aber auch daran, dass die Möglichkeiten, im französischen Leben Kulturleben Fuß zu fassen, sehr begrenzt waren. Glanzberg ist geblieben und das ist fast ein Alleinstellungsmerkmal.

dokdoc: In den 1930er-Jahren, noch bevor sie den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht hat, trifft Norbert Glanzberg auf Édith Piaf. Können Sie uns sagen, wie es dazu kam?

Thilo Dahlmann: Glanzberg hatte es langsam geschafft, dass man auf ihn aufmerksam wurde. Er hatte Django Reinhardt kennengelernt, den belgisch-französischen Gitarristen, der in Paris eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte und war für ihn als Pianist tätig. So langsam hat sich dann sein Netzwerk erweitert, interessanterweise im Bereich der Unterhaltungsmusik. In Paris traf er die junge und noch unbekannte Édith Piaf und begleitete sie am Klavier. Es war von Anfang an eine bemerkenswerte und auch etwas seltsame Beziehung. Glanzberg gehörte zeitweise zu ihren festen musikalischen Begleitern. Er komponierte auch erste Stücke für sie.

dokdoc: Dann bricht der Krieg aus und im Juni 1940 fällt Paris. Auf einmal befindet sich Norbert Glanzberg inmitten derjenigen, vor denen er sieben Jahre zuvor geflohen war.

Thilo Dahlmann: Das was für ihn eine Katastrophe. Er flieht in den Süden Frankreichs, in die unbesetzte Zone. Zunächst kann er mit falschen Papieren seine Tätigkeit als Musiker und Komponist fortsetzen. Auch, weil viele seiner alten Musikerkollegen ebenfalls in den Süden geflohen waren. Aber es wussten eben auch viele, wer er wirklich war. Es gibt eine ganz bittere Episode aus seinem Leben. In einem Zugrestaurant ruft die betrunkene Édith Piaf so, dass es jeder hören kann: „Da kommt ja mein Jude mit den falschen Papieren!“ Norbert Glanzberg hat dies selbst berichtet. Dieses Ereignis blieb für ihn zum Glück folgenlos. Er versteckt sich, als die Deutschen auch in den Süden einmarschieren, wird aber aufgespürt und am Ende inhaftiert wegen falscher Papiere. Er verbringt etwa ein halbes Jahr im Gefängnis und muss ständig mit seiner Deportation in ein Vernichtungslager rechnen.

dokdoc: Wie entgeht er schließlich der Deportation?

Thilo Dahlmann: Er ist Teil eines Freundeskreises aus Musikern, zu denen auch Édith Piaf gehört. Einer anderen Freundin gelingt es dann nach einem halben Jahr, ihn durch Kontakte zu französischen Gefängnisbeamten aus dem Gefängnis zu befreien. Er wird in einem Schloss versteckt, in dem auch viele andere Menschen Zuflucht gefunden haben. Später wird er berichten, dass er permanent damit gerechnet hat, entdeckt zu werden. Er musste bis zum Ende des Krieges dort mit dieser Angst leben.

dokdoc: Er arbeitet trotzdem in dieser Zeit, er schreibt weiter Chansons für französische Kollegen!

Thilo Dahlmann: Genau, aber durch die Gesetzgebung von Vichy kann er seine Kompositionen nicht unter seinem Namen veröffentlichen. Deshalb tragen viele Werke bis heute nicht seinen Namen. Das war eine große Demütigung für ihn, eine große Ungerechtigkeit. Es gibt nach seiner Aussage bis heute zahlreiche bekannte Chansons, die unter einem anderen Namen erschienen sind. Er hätte nicht nur die Komposition, sondern auch noch sein Namensrecht mit verkaufen müssen.

dokdoc: Wie entwickelt sich sein Verhältnis zu Édith Piaf?

Thilo Dahlmann: Wir wissen, dass beide eine Affäre miteinander hatten, aber Glanzberg wird auch musikalisch für Piaf als Komponist bedeutsam. Noch während des Krieges komponiert er Padam…Padam – eines der bekanntesten Chansons der Piaf, das 1951 veröffentlicht wird. Er ist nach dem Ende des Krieges ein gefeierter Komponist, arbeitet für sie oder auch für Yves Montand. Bis Anfang der 1960erJahre läuft es für ihn wirklich gut, bis die 60er Jahre seine Musik plötzlich unmodern werden lassen. Er hat dies nie richtig verstanden oder verwunden und konnte nur schwer mit dieser Zurückweisung umgehen. Ich glaube, das war für ihn eine zweite große Demütigung.

dokdoc: In seinen letzten Lebensjahren wendet sich der Unterhaltungskomponist wieder der Klassik zu. Er findet in einer Gedichtanthologie Texte von Verfolgten und Opfern des Nationalsozialismus…

Thilo Dahlmann: …die Glanzberg in klassischem Stil vertont. Glanzberg ist da ein alter Mann. Er blickt auf sein Leben zurück, und ich denke, dass ihm da Gedanken kommen, wie: „Wer bin ich?“, „Was hätte aus mir werden können?“ Seine ganze Karriere hatte er so nicht geplant. Er wollte nicht unbedingt ein Komponist von Unterhaltungsmusik oder ein Pianist in Begleitkapellen werden. Er wollte ein großer Komponist werden und sah sich selbst in der Tradition der Deutschen Romantik.

dokdoc: Wie lässt sich so etwas Monströses wie die Shoah künstlerisch verarbeiten?

Thilo Dahlmann (Fotograph Marco Borggreve, Copyright Thilo Dahlmann)

Thilo Dahlmann: Das ist eine Frage, an der sich schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sämtliche Künstler sowohl der bildenden als auch der darstellenden Kunst den Kopf zerbrochen haben. Adornos Diktum vom Ende der Kunst und der Musik mit dem Holocaust schwebt als Menetekel über allem. Man kann der Monstrosität des Geschehenen eigentlich selbst mit Mitteln der Kunst nur sehr schwer oder nur unzulänglich beikommen. Norbert Glanzberg hat in Anbetracht der vertonten Texte einen sehr außergewöhnlichen Weg gefunden. Es gibt ein Zitat von ihm, in dem er sagt, dass er bei dieser Musik dem Schrecken die Schönheit entgegensetzen möchte. Das heißt, er sah es als unmöglich an, diesem Schrecken gerecht zu werden, indem man ihn doppelt, ihn vergrößert, ihn ausmalt. Er sagte, es ist so schrecklich, dass ich es nur durch musikalische Schönheit auffangen kann. Und genau das macht er in den meisten Liedern.

dokdoc: Sie haben diese Holocaust-Lieder gespielt. Wie hat das Publikum darauf reagiert?

Thilo Dahlmann: Die Reaktion auf diese Lieder hat mich erschüttert. Wir hatten ein Konzert in Frankfurt, haben diese Lieder zum Schluss des Konzerts gespielt. Viele Menschen haben uns angesprochen, wie sehr sie diese Musik berührt hat, wie sehr sie mitgenommen sind von diesen Liedern – auch, weil sie sie nicht kannten.

dokdoc: Gelebt hat Norbert Glanzberg die meiste Zeit in Frankreich. Ist er als großer französischer Komponist in die Musikgeschichte eingegangen?

Thilo Dahlmann: Das ist eine schwierige Frage. Im Sinne eines klassischen Komponisten sicher nicht. Dafür ist alleine die Anzahl seiner klassischen Werke zu gering. Aber es ist unglaublich reizvoll und wichtig, diese Wenigen einem größeren Publikum bekannt zu machen. Die Publikumsreaktionen auf seine Werke bei Konzerten zeigen, dass die Kompositionen die Menschen bewegen und auch unmittelbar erreichen. Etwas, was bei zeitgenössischen Kompositionen nicht der Regelfall ist. Bei seinen Chansons sieht es aber ganz anders aus. Er hat so viele bekannte Chansons verfasst. Auch das durch den Film „Sister Act“ bekannt gewordene „I will follow him“ ist eine Komposition von ihm aus den 1960er Jahren. Hier ist sein Problem allerdings, dass bei Chansons die Interpreten immer deutlich bekannter und mehr im Fokus sind als die Komponisten. Insofern hat er eine kleine Renaissance im Bewusstsein der Hörer und Musiker mehr als verdient.

dokdoc: Thilo Dahlmann, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Andreas Noll

Unser Gast

Nach einem Jura-, Politik- und Geschichtsstudium studierte der Bassbariton Thilo Dahlmann Gesang an der Folkwang-Hochschule Essen. Er sang am unter anderem am Zürcher Opernhaus, der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf und dem Theater St. Gallen unter Dirigenten wie Philipe Jordan, Nello Santi und Franz Welser-Möst. Auf dem Konzertpodium führte ihn ein weit gefächertes Repertoire von Monteverdi bis zur Moderne an das Concertgebouw Amsterdam, die Philharmonie von Köln und Essen, die Tonhalle Zürich und Düsseldorf, die Konzerthäuser von Moskau, Bologna, die Folle Journée in Nantes, Lissabon und Tokio. Besondere Bedeutung in seiner künstlerischen Tätigkeit hat der Liedgesang. 

Thilo Dahlmann war Gast der Salzburger Festspiele, des Bachfests Leipzig, der Händel-Festspiele Halle, des Schleswig-Holstein Musikfestivals und sang beim Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie Hamburg. Zahlreiche DVD- und CD-Aufnahmen dokumentieren seine Tätigkeit.

Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist er Professor für Gesang an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart und unterrichtete an den Musikhochschulen Köln, Graz und Frankfurt. 

Mehr zum Thema

„Piafs jüdischer Pianist – Der Würzburger Norbert Glanzberg und die ‚Schönheit‘ von Holocaust-Liedern“. Mit Thilo Dahlmann und Andreas Noll. Franko-viel 51 (2. November 2023), Folge 51 – Piafs jüdischer Pianist – Der Würzburger Norbert Glanzberg und die Schönheit von Holocaust-Liedern – Franko-viel – Der Frankreich-Podcast (podigee.io)

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