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Alfons

„Ich werde die Welt nicht verändern, aber wenn ich die Jugendlichen zum Nachdenken anregen kann, umso besser“

Pascal Thibaut

Alfons am Hardtberg-Gymnasium, Bonn, Dezember 2023 (Copyright Hardtberg-Gymnasium)

14. Dezember 2023

Emmanuel Peterfalvi kam 1991 im Alter von 24 Jahren nach Hamburg. Nichts prädestinierte den Franzosen dazu, in seiner Wahlheimat ein anerkannter Humorist zu werden. Die von ihm geschaffene Figur Alfons ist heute sein Doppelgänger, der mit Humor und Tiefgang die Dinge des Lebens und der Welt analysiert.

Der Brief von Olaf Scholz hat Emmanuel Peterfalvi lange Zeit gequält. Der damalige Erste Bürgermeister von Hamburg hatte Alfons, die von dem Franzosen geschaffene Kunstfigur, in schönster Prosa gefragt, ob er nicht Deutscher werden wolle. Der Kabarettist lebt nämlich seit Anfang der 1990er Jahre in der Stadt und hat sich in seiner dortigen Wahlheimat einen Namen gemacht. Doch sollte er die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen? Emmanuel Peterfalvi zögert lange. Der Brief, der am Kühlschrank hängt, mahnt ihn jeden Tag. Seine Familiengeschichte kommt an die Oberfläche: Kann der Enkel einer nach Auschwitz deportierten Frau die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, ohne die Großmutter zu verraten, die ihm so viel bedeutete? Eines Tages besiegelt ein Brand in seiner Küche das Schicksal des Schreibens, und der Empfänger schlägt ein neues Kapitel auf. Aber nur vorläufig. Eine Begegnung mit Olaf Scholz auf einer Fernsehbühne überzeugt ihn. Ein Handschlag zwischen den beiden Männern entscheidet über Alfons‘ Einbürgerung. Oder fast. Der Franzose muss noch deutsche Geschichte büffeln, um den Einbürgerungstest zu bestehen: „Die Entscheidung fiel mir nicht leicht; ich habe zwei Jahre darüber nachgedacht. Meine ganze Vergangenheit kam wieder hoch. Es war ein komplizierter Weg, an dessen Ende aber klar war: Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens in Deutschland verbracht, ich bin zur Hälfte Deutscher.“

Olaf Scholz überreicht ihm seine Einbürgerungsurkunde. Einige Monate später und kurz nach seiner Ernennung zum Finanzminister kam derselbe Olaf Scholz zu seiner Aufführung.

Vom Zivildienst in Hamburg zu einer Karriere als Kabarettist

Nichts hatte den jungen Pariser für einen solchen Werdegang prädestiniert. Zwar lernt er Deutsch als erste Fremdsprache, aber diese Wahl hat eher pragmatische Gründe. Seine Großmutter, als Erica Grünfeld in Rumänien geboren, spricht Deutsch. Emmanuel Peterfalvi gestaltet seine Aufführung als Hommage an diese charakterstarke Frau, die seine Kindheit geprägt hat. Doch das Schicksal hätte auch ganz anders verlaufen können. Als Erica Grünfeld während der Besatzung erfuhr, dass ihr Stiefvater deportiert werden sollte, ging sie zur Kommandantur und forderte, mit ihm gehen zu dürfen. So kommt sie nach Auschwitz. „Mir als Kind versicherte sie, sie hasse die Deutschen nicht. Ich will nur, dass so etwas nie wieder passiert“.
Trotz dieses familiären Hintergrunds lässt sich Emmanuel Peterfalvi in Deutschland nieder. 1991 kommt er in Hamburg an, allerdings ohne dies wirklich gewollt zu haben. Nach seiner anfänglichen Arbeit für Canal + leistet er seinen Zivildienst beim Sender Première, einer Tochtergesellschaft des französischen Konzerns. Nach dem Ende seines Zivildienstes lässt er sich dort fest anstellen. Seine Erfahrungen bei Canal+ kommen ihm bei Première zugute, wo noch improvisiert wird. Seine Hartnäckigkeit zahlt sich schließlich aus. Er verlässt den Privatsender und wechselt zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dem er seitdem treu geblieben ist. Die deutschen Fernsehzuschauer entdecken ihn unter anderem während der Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich mit seiner Kolumne „Télé Croissant“. Danach erblickt Alfons das Licht der Welt. Die Figur wird zu Emmanuel Peterfalvis Doppelgänger, mit einer in der DDR hergestellten Trainingsjacke als unverzichtbarem Accessoire. Seine Suche nach einem Ersatz bleibt erfolglos. Die Jacke wird zur „Uniform“ von Alfons, der von der seriösen Frankfurter Allgemeinen Zeitung einmal als „Lieblingsfranzose der Deutschen“ bezeichnet wurde.

Foto Tine Acke (Copyright LBO, Foto Tine Ack)

Der Reporter mit dem Puschelmikro bekommt seine eigene Sendung und geht auf Tour

Seine neuen Mitbürger lieben diese etwas trottelige Figur, die mit einem riesigen, einem großen Plüschtier ähnelnden Mikrofon bewaffnet ist. Mit Mühe und einem schrecklichen französischen Akzent nuschelt er Passanten auf den ersten Blick absurde Fragen zu: „Wer ist fauler? Ausländer oder Arbeitslose?“, „Sollen Heterosexuelle heiraten dürfen?“. Alfons‘ Gesprächspartner misstrauen dem etwas anderen Journalisten nicht. „Manchmal war es enorm schockierend, aber im Fernsehen hört man solche Äußerungen selten, weil sich die Befragten normalerweise unter Kontrolle haben“. Mit den rund 300 Umfragen knüpft er an seine beruflichen Anfänge als junger Mann an. Doch mit der Zeit erfindet der Humorist sich neu. Er ist nicht mehr nur der „Reporter“, der in Comedy-Shows auftritt; er bekommt seine eigenen Sendungen. Seit über 15 Jahren moderiert er nun schon zweimal im Monat das Format „Alfons und seine Gäste“ im öffentlich-rechtlichen SWR-Fernsehen und sechsmal im Jahr eine Radiosendung im öffentlich-rechtlichen Saarländischen Rundfunk. Und mit seinen verschiedenen Programmen tourt er durch ganz Deutschland.
In „Alfons, noch deutscher“ gelingt dem Komiker das Kunststück, ohne übermäßiges Pathos über die Konzentrationslager und das Schicksal seiner deportierten Großmutter zu sprechen. Er erinnert sich mit Rührung an die Frau, die ihn „kleines Dummerchen“ nannte; eine angesehene Dame, die mit ihrer dressierten Stubenfliege zum Liebling der Metrozüge wurde: Dank eines Magneten, den sie diskret hin und her schob, bewegte sich das Insekt und schien ihr zu gehorchen. Sogar François Mitterrand, den sie bewunderte und den sie mehrmals traf, fiel auf den Trick herein. Diese Anekdoten aus dem Leben seiner Großmutter wie auch die Eigenheiten der Deutschen und Franzosen begeistern das Publikum immer wieder.

Europa im Herzen

Er singt Barbaras berühmtes Lied Göttingen, eine Hymne auf die deutsch-französische Versöhnung, und erklärt den deutschen Zuschauern die Bedeutung des Liedes. Der Komiker erklärt ihnen, warum eine Jüdin, die sich während des Krieges vor den Nazi-Besatzern versteckt hatte, schließlich ein Konzert auf der anderen Seite des Rheins akzeptierte, wo das Publikum, dem sie sogar ein Lied widmete, ihr Herz im Sturm eroberte.
2022 erhielt Emmanuel Peterfalvi das Bundesverdienstkreuz, die höchste deutsche Auszeichnung, die mit der Ehrenlegion vergleichbar ist. Der Begleittext spricht von seinen „herausragenden Verdiensten um Kultur, Toleranz und Menschlichkeit“. „Diese Begründung war für mich wirklich sehr bewegend“, erklärt er. An diesem Tag hängt seine neue Auszeichnung an der Jacke, die er zu seinem Auftritt trägt. Daneben, auf seiner Brust, ist ganz diskret eine kleine Fliege zu sehen, als Hommage an seine Großmutter. „Dreißig Jahre später ist klar, dass ich in Deutschland eine Aufgabe hatte. Wegen meiner Familiengeschichte. Aber auch, weil die deutsch-französische Freundschaft für Europa von entscheidender Bedeutung ist. Und wenn es an der Spitze Knatsch gibt, darf man das nicht der Politik überlassen. Der jahrzehntelange Frieden in Europa ist ein Geschenk, das wir bewahren müssen“.

Die Europawahlen beunruhigen

Am Hardtberg-Gymnasium, Bonn, Dezember 2023 (Copyright Hardtberg-Gymnasium) 

Die Europawahlen stehen vor der Tür. Emmanuel Peterfalvi ist besorgt über die populistischen Tendenzen auf dem Kontinent. Es reicht ihm nicht mehr, nur auf der Bühne aufzutreten. Der Humorist möchte sich auf seiner (bescheidenen) Ebene nützlich machen. Eine Lehrerin aus Mainz bot ihm die Gelegenheit, seine Aktivitäten zu erweitern. Patricia Rehm-Grätzel war von Alfons‘ Auftritt begeistert. Überzeugt davon, er könne auch Themen aus dem Lehrplan aufgreifen, charterte sie einen Bus für ihre Schüler zu einem Auftritt des Komikers. Nach der Show stornierte der Franzose sein Hotel und fuhr mit den Schülern im Bus zurück. Tags drauf trifft er sie in ihrer Schule wieder. Dies ist der Beginn einer neuen Geschichte für Emmanuel Peterfalvi, der nun praktisch bei jeder seiner Shows mit Schülern zusammentrifft.
Bei den Treffen mit Alfons geht es um seine Aufführungen, aber auch um andere Themen wie Demokratie, Toleranz oder Antisemitismus. Der Komiker freut sich über die Rückmeldungen der Lehrkräfte. „Ich werde die Welt nicht verändern, aber wenn ich die Jugendlichen zum Nachdenken anregen kann, umso besser.“ Am Ende pflegt Emmanuel Peterfalvi den Nazi-Jäger Simon Wiesenthal zu zitieren: „Damit das Böse gedeiht, braucht es nur gute Menschen, die nichts unternehmen.“

Übersetzung: Norbert Heikamp

Unser Autor

Pascal Thibaut hat an der Universität Dijon einen Abschluss in Rechtswissenschaften erworben und anschließend an der Sciences Po Paris und an der Journalistenschule Centre de Formation des Journalistes studiert. Seit 1990 lebt er in Deutschland, wo er zunächst einige Jahre als freier Journalist arbeitete. Er ist Korrespondent von Radio France Internationale und Autor des Newsletters „Lettre d’Allemagne“. Pascal Thibaut wurde mit dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis ausgezeichnet und war einige Jahre Vorsitzender des Verbands der Auslandspresse in Deutschland.

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