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Fotografie

Hautnah

Von Adrienne Rey

© Prisca Martaguet

28. Mai 2020

Die deutsch-französische Fotografin Prisca Martaguet, die mit Unterbrechungen seit 1998 in Berlin lebt, hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Die Schlüssel zu ihrem Erfolg: Arbeit, Ausdauer und Hingabe. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit: Porträts.

Sie ist erst 16 als sie beschließt, Fotografin zu werden. Die Deutsch-Französin Prisca Martaguet studiert an der UdK, der Universität der Künste in Berlin, wo der Schwerpunkt aufgrund der „deutschen“ Unterrichtsmethode auf dem Bezug zur Praxis liegt. Sie erinnert sich im Nachhinein an ein „gründliches Lernen, fast wie eine Ausbildung für künftige Künstlerische Leiterinnen und Leiter“. Im Rahmen eines Austauschs mit der französischen École nationale supérieure des Arts décoratifs ENSAD (die Hochschule für Angewandte Künste in Paris) entdeckt sie im Nachbarland eine gänzlich andere Pädagogik: „In Frankreich diskutieren die Studierenden viel über Theorie und setzen sich systematisch intellektuell mit ihrer Arbeit auseinander, mir aber hat eher die pragmatische, künstlerische Herangehensweise der UdK gefallen, die das Handwerkliche in den Mittelpunkt stellt, auch wenn die Dozentinnen und Dozenten in Paris immer ein interessantes Feedback gegeben und treffende Anmerkungen gemacht haben.“

Einflüsse und Vorbilder

Ihre Vorliebe für die deutsche Herangehensweise zeigt sich auch in  Einflüssen und Vorbildern. Obwohl Prisca Martaguet oft die Werke des ukrainischen Fotografen Boris Mikhailov oder der US-Amerikanerin Nan Goldin zitiert, ist vor allem die deutsche Fotografie ihre größte Inspirationsquelle, insbesondere die Werke von Bernd und Hilla Becher, oder Strömungen wie die Neue Sachlichkeit (1918-1933) und das Neue Sehen (1920–1940). Sie empfindet die Fotografie in Deutschland im Allgemeinen als innovativer und experimentierfreudiger als in Frankreich, wo der Schwarz-weiß-Klassizismus die Fotografie bis heute prägt.

Ein Motiv der Serie „Statuen auf dem Balkan“, die 2017 im Rahmen des Monats der Fotografie in Paris ausgestellt wurde. © Prisca Martaguet

Prisca möchte uns unbedingt eine Anekdote aus ihrer Zeit an der UdK erzählen: „Ein Dozent sagte uns, dass wir eines Tages mit unseren Telefonen fotografieren würden. Das war für uns damals eine absurde Vorstellung. Aber er hatte recht!“.  Nachdem sie lange analog fotografiert hatte, ist Prisca Martaguet wie zahlreiche andere Fotografinnen und Fotografen zur digitalen Fotografie übergegangen – „man muss mit der Zeit gehen“, sagt sie und gibt mit einem Lächeln zu, dass sie manchmal sogar mit ihrem iPhone fotografiert.

Berlin by night

1998 entscheidet sich Prisca, nach Berlin zu gehen, angezogen von der Freiheit und der Spontaneität der deutschen Hauptstadt. Ihr bevorzugtes Genre ist nun die Porträtfotografie. Sie mag es, „eine Facette eines Sujets hautnah“ zeigen zu können, unter anderem die der Party People, die durch die Klubs der Stadt ziehen. Damals ging sie „manchmal 3 bis 4 Mal die Woche“ auf die Suche, „heute ginge das nicht mehr“, sagt sie. Die Verbreitung des Smartphones hat dazu geführt, dass Berliner Klubs das Fotografieren verboten haben und darum bitten, Handy-Objektive abzukleben. „Nicht nur in Klubs ist es schwierig geworden. Die Leute lassen sich auch auf der Straße nicht mehr fotografieren. Sie sind misstrauisch und verbinden fotografische Tätigkeit leider mit einem Eingriff in die Privatsphäre.“

Vom unbewegten Bild zum Video

Auch wenn sich die Fotografie weiterentwickelt hat, machen es die explosionsartige Verbreitung von Amateurfotos und die quasi systematische Nutzung von Bild-Datenbanken Nachwuchsfotografinnen und -fotografen kaum mehr möglich, auf dem Markt Fuß zu fassen. Prisca Martaguet möchte sie dennoch ermutigen: „Man muss das Fotografieren als Lebensstil begreifen und nicht einfach als Tätigkeit.“ Arbeit, Ausdauer und Hingabe – das sind in ihren Augen die Schlüssel zum Erfolg.

Unabhängig von ihren Presseveröffentlichungen, unter anderem in Stern, Brigitte, Bild oder Jeune Afrique, ist Prisca auch für deutsch-französische Institutionen tätig: für das Institut français in Berlin, wo 2003 ihre erste Ausstellung unter dem Titel „Paris-Berlin“ stattfindet, für das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) und auch für die deutschen Vertretungen in Frankreich Allemagne Diplomatie, für die sie an Ausstellungen mitgearbeitet hat. Prisca Martaguet ist außerdem am Projekt Grands Voisins beteiligt, im Rahmen dessen das ehemalige Krankenhaus Saint-Vincent-de-Paul im 14. Arrondissement zu einer Notunterkunft und Anlaufstelle für schutzbedürftige Menschen umfunktioniert wurde, Migrantinnen und Migranten unterstützt sowie Artists in Residence beherbergt.

© Prisca Martaguet

In ihrem letzten Projekt, „Microcoronattoir“, bringt sie in Zusammenarbeit mit der deutschen Schauspielerin Nadine Baier die aktuellen Fragen zum Leben mit Corona zur Sprache, indem Sie Passantinnen und Passanten auf der Straße befragt. In kurzen Videos werden Menschen aus Deutschland, Frankreich, Serbien oder Österreich dazu befragt, wie sie die Pandemie oder die Kontaktsperre erleben und wahrnehmen. Zu diesem Thema sollen demnächst weitere Videos online gestellt werden.

Übersetzung: Anna Johannsen

Prisca Martaguet online

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