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9. Kunst

Den Anfang machte Saint-Organ

Von Mariella Hutt

Comics eignen sich bestens zum Französischlernen. © Shutterstock

29. Juli 2020

In Deutschland oft als Kinderbücher belächelt, in Frankreich Kult: Fast jeder Dritte liest hier Comics. Mit ein Grund, 2020 als nationales Jahr des Comics auszurufen, als Année nationale de la Bande Dessinée. Wegen der Corona-Krise wurde es bis Juni 2021 verlängert.

Auch wenn laut einer Studie der Bibliothèque publique d’information des Pariser Centre Pompidou die 11- bis 14-Jährigen in Frankreich die eifrigsten Comicleserinnen und -leser sind: die bunten Hefte mit den Sprechblasen kennen in Frankreich kein Alter. 2019 sind hier über 24.000 Titel erschienen, darunter rund 5500 Neuheiten. Die – nach der Malerei, Bildhauerei, Zeichnung, Grafik, Architektur, Fotografie, Film und Fernsehen – neunte Kunst ist ein lukratives Geschäft. Im vergangenen Jahr hat der französische Comicmarkt erneut einen Rekord aufgestellt:  48 Millionen Comics wurden verkauft, ein Umsatz von 555 Millionen Euro erzielt.

Kein Wunder, dass es in Frankreich reine Comicläden gibt, nicht nur in Paris. Aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt wurden allein 2020 bereits über 120 Titel.

Fiktive und wahre Plots

Emmanuel Guibert gehört zu denen, die ihr Geld mit Comics verdienen. Er gilt als einer der erfolgreichsten französischen Comiczeichner unserer Zeit. Beim diesjährigen Comic-Festival in Angoulême, der Stadt mit Europas ältestem Comic-Museum, wurde er mit dem Grand Prix geehrt. Der Preis soll noch lebende Comiczeichner für ihr Gesamtwerk oder ihre historische Bedeutung würdigen. Er wird zudem der erste Comiczeichner sein, der seine Werke im Oktober in der Académie des Beaux-Arts in Paris ausstellen darf. Bekannt wurde er u. a. mit seinem Werk La Fille du Professeur, das er zusammen mit dem Texter Joann Sfar verfasst hat. Es geht darin um die Liebesgeschichte zwischen einer ägyptischen Mumie und der Tochter eines Archäologen.

Doch der französische Comic erzählt nicht nur fiktive Geschichten, siehe etwa Emmanuel Guiberts autobiografisches Werk La guerre d’Alan. Darin erinnert sich der Soldat Alan Cope an seine Zeit im Zweiten Weltkrieg. In weiteren Bänden hat Guibert die Biografie fortgesetzt und erzählt von weiteren Stationen aus Copes Leben – dem Ende des Krieges und seiner Kindheit.

Die französischen Comicleserinnen und -leser interessieren sich für Reales, Authentisches: Biografien, Rechercheergebnisse, detaillierte Beschreibungen – die Erklärung der Welt mittels Comics, wozu selbst die Wechselwirkungen von Picasso und Comics gehören.

Les Algues vertes, l’histoire interdite der Journalistin und Autorin Inès Léraud und des Comiczeichners Pierre van Hove ist ein gutes Beispiel dafür. Es handelt von einem Skandal um Grünalgen in der Bretagne. Jahrelange Recherchen, zahlreiche Zeugenaussagen und wissenschaftliche Dokumente stecken hinter dem Comic, von dem rund 2000 Exemplare mehr verkauft worden sind, als das bei Neuerscheinungen normalerweise der Fall ist: 6000 waren es zunächst; mittlerweile sind es – seit der Erstveröffentlichung 2019 – über 45.000.

Ebenfalls sehr erfolgreich: der Comic Culottées – Des femmes qui ne font que ce qu‘elles veulent (Dreist – Frauen die nur machen, was sie wollen), der das Thema Feminismus aufgreift. Pénélope Bagieu präsentiert darin die Biografien sprich Porträts von 15 Frauen und zeigt, wie sie gegen soziale Normen, Sexismus und Vorurteile ankämpfen. Oft handelt es sich um in ihrer Zeit berühmte Persönlichkeiten, die heutzutage in Vergessenheit geraten sind. Zwei Bände sind bereits erschienen. Seit März gibt es den Comic auch als Serie im französischen Fernsehen.

Asterix ist nach wie vor die Nr.1. © Shutterstock, Ralf Liebhold

Superstar Asterix

Klassiker sind in Frankreich weiterhin beliebt und verkaufen sich gut, allen voran Astérix des Autors René Goscinny und des Zeichners Alberto Uderzo – ein Comic, dem sogar ein Freizeitpark gewidmet wurde. Nach Goscinnys und Uderzos Tod haben Jean-Yves Ferri und Didier Conard die Comic-Reihe übernommen.

Wie zahlreiche Comics in den 1960er Jahren ist Astérix zunächst in einer Zeitschrift erschienen. Erst zwei Jahre nach dieser Erstveröffentlichung kam der erste Band, Astérix le Gaulois, auf den Markt. Heute – nach bisher 38 Ausgaben – sind der Gallier mit dem Flügelhelm und sein dicker Freund Obelix ein Phänomen und der erfolgreichste französischsprachige Comic aller Zeiten. Er wurde in über 100 Sprachen und Dialekte übersetzt (auch in Kölsch – und Ruhrdeutsch: Dingenskirchen, Tour de Ruhr, Zoff im Pott u. a.) und weltweit rund 380 Millionen Mal verkauft. Den ersten „richtigen“ französischen Comic schuf übrigens 1925 Alain Saint-Organ mit Zig und Puce, der in der Wochenendbeilage der Zeitung Excelsior, Le Dimanche Illustré, erschien.

Comicjahr 2020

Trotz oder gerade wegen seines Erfolgs: Dieses Jahr sollte der französische Comic noch wichtiger, noch sichtbarer und noch populärer werden – nicht zuletzt, um sich gegen japanische Mangas zu behaupten. 2019 verkündete Kultusminister Franck Riester: 2020 soll das französische Comicjahr werden. Veranstaltungen in Lille, Straßburg, Marseille, Bordeaux und Rennes, Kunstausstellungen in Museen und Podiumsdiskussionen an der Pariser Sorbonne und der Kunstakademie in Paris – insgesamt 54 Programmpunkte sollten das französische Kulturgut bewerben und fördern; auf arte ist Comics ein Themenschwerpunkt gewidmet. Wegen der Corona-Pandemie konnten und können jedoch knapp 350 Veranstaltungen nicht stattfinden – weshalb es bis Juni 2021 verlängert wurde.

Comics aus Belgien

Im Herzen von Brüssel, in einem Jugendstilgebäude aus hellem Sandstein mit riesigen Fenstern, sind u. a. Tim und Struppi (Tintin), Lucky Luke und die Schlümpfe (Les Schtroumpf) zu Hause: In ihrer Heimat sind diese Comicfiguren nicht nur auf dutzenden Häuserwänden zu sehen, sondern auch in einem Museum, das zu den Hauptattraktionen der belgischen Hauptstadt gehört. Auf über 4000 qm können sich die Besucher über die Geschichte der Comics informieren und ihre Lieblingsfiguren wie die Dupondts aus Tim und Struppi (Schulze und Schultze auf Deutsch, Guber und Gruber in der Schweiz), deren schwarze Melonenhüte an einer Garderobe hängen, menschengroß erleben.

Im Comic-Museum Brüssel, © Shutterstock

Belgien ist mit über 700 Comicautorinnen und -autoren ein Comic-Land: ein Großteil der Bücher, die hier herausgegeben werden, sind Comics. In Belgien hat Pierre Culliford („Peyo“) die Schlümpfe, les Schtroumpfs, erfunden, Maurice de Bevere („Morris“) Lucky Luke und Georges Remi („Hergé) Tintin, in Deutschland als Tim und Struppi bekannt – eine Comicserie, die den französischsprachigen Comic aus Belgien überhaupt erst international bekannt gemacht hat.

Hergé ist der Erfinder der klaren Linie. Sein Zeichenstil ist geprägt von harmonischen Linien ohne Schraffuren oder Schattierungen und einfarbigen Flächen ohne Farbverläufe. Licht und Schatten gibt es bei Hergé nicht. Dieser Stil hat die franko-belgische Comic-Kultur wesentlich beeinflusst – viele belgische Comiczeichner haben ihn übernommen, darunter Edgar Jacobs (Blake et Mortimer).

Zu den frankobelgischen Comics gehören auch Comics aus weiteren französischsprachigen Ländern Europa, sprich aus der französischsprachigen Schweiz und aus Luxemburg.

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