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Berufsausbildung

Bilaterale Kooperation

Von Felix Lennart Hake

© Handwerkskammer Berlin, Susanne Boy

19. Oktober 2019

Erasmus, Auslandspraktikum oder Doppelabschluss – gut ein Drittel aller Studierenden absolviert einen Teil ihres Studiums heutzutage im Ausland. Sie erwerben dabei Sprachkenntnisse und sammeln internationale Erfahrungen. In der beruflichen Ausbildung hingegen ist all das noch immer eine Seltenheit.

Ein herbstlicher Dienstagvormittag in Berlin-Lankwitz, es duftet  verführerisch nach Croissantteig und Pâtisserie. In der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk herrscht professionelle Hektik: Rund 20 angehende Bäckerinnen und Bäcker sowie Konditorinnen und Konditoren bereiten süße Kreationen vor, die sie am nächsten Tag einer Fachjury präsentieren sollen.

Mittendrin: Der 19jährige Sacha aus Paris. Gemeinsam mit neun weiteren französischen Auszubildenden der École de Paris des Métiers de la Table nimmt er an einem deutsch-französischen Austauschprogramm teil, das vom Centre Français de Berlin alljährlich in Kooperation mit der Handwerkskammer Berlin organisiert wird. Eine Woche lang arbeiten deutsche und französische Auszubildende ganz praktisch zusammen, erarbeiten deutsch-französische Rezepte und setzen diese dann auch selbst um. Eine Ausnahme in ihrer Branche.

Die Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung schätzt, dass 2017 nur rund 5,3 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland von einem Auslandsaufenthalt profitierten. Davon wiederum zog es knapp 7 Prozent nach Frankreich – trotz steigender Tendenz eine Quantité négligeable im Vergleich zu den 38 Prozent deutscher Studierender, die nach Angaben des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung und des DAAD im Jahr 2017 weltweit mobil waren.

Unterstützung beim Auslandsaufenthalt

Spricht man den zukünftigen Bäcker und Konditor Sacha darauf an, warum er sich für das Austauschprogramm entschieden hat, muss er nicht lange überlegen: „Es macht riesig Spaß, eine andere Kultur und vor allem eine neue Arbeitsweise kennenzulernen. Wir lernen viel gegenseitig voneinander: Ich habe jetzt zum ersten Mal überhaupt Brezeln gebacken und die Deutschen lernen, wie wir typisch französische Croissants zubereiten.“ Für ihn war es nach einem Austausch mit Polen der zweite Auslandsaufenthalt während seiner Ausbildung, doch für die meisten ist die gemeinsame Zeit in Paris und Berlin eine Premiere. Ein Grund hierfür: Vergleichbare Angebote sind rar, weiß auch Maike Kalischer, Projektleiterin am Centre Français de Berlin: „Dabei gibt es nichts Interkulturelleres, als gemeinsam zu arbeiten und am Ende auch die Ergebnisse der Arbeit zu sehen.“

Auf den ersten Blick bedeutet ein Auslandsaufenthalt immer organisatorischen Aufwand und häufig viel administratives Wirrwarr. Doch wer sich für einen deutsch-französischen beruflichen Austausch oder einen Aufenthalt im Partnerland interessiert, steht keineswegs alleine da. Organisationen wie das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) oder die deutsch-französische Berufsbildungsagentur ProTandem begleiten jährlich tausende junge Erwachsene in Aus- und Fortbildung auf beiden Seiten des Rheins und leisten finanzielle sowie inhaltliche Unterstützung. Oftmals fehlt es den Angeboten lediglich an „Sichtbarkeit“, wie Sandra Schmidt, Leiterin des Referats Berufsausbildung beim DFJW, anmerkt: „Unsere Programme sind überaus beliebt, aber wir werden in Zukunft noch stärker daran arbeiten, sie bekannter zu machen.“ Dabei soll ein Weg die stärkere Einbindung regionaler und kommunaler Partnerschaften im beruflichen Austausch sein.

Die Gründe für geringere Mobilität in der Ausbildung sind vielfältig. Zum einen plagt viele Azubis die Sorge, ihre Sprachkenntnisse könnten für die Zeit im Ausland nicht ausreichen. Zum anderen scheitert so manches berufliches Auslandsabenteuer an bürokratischen Hürden: Ausbildungsinhalte, die im anderen Land absolviert wurden, werden von den nationalen Behörden oder Kammern nicht oder nur schwer als gleichwertig anerkannt. Und nicht zuletzt schmerzt es viele Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels, Auszubildende ins Ausland zu schicken – selbst wenn die gewonnenen Erfahrungen sich langfristig auch für sie auszahlen.

Angebote und Möglichkeiten

Margarete Riegler-Poyet, Leiterin der Abteilung Aus- und Weiterbildung der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer, plädiert dafür, die Anerkennung von Auslandsaufenthalten zu vereinfachen und vor allem junge Menschen, die sich noch beruflich orientieren, besser über Angebote und Möglichkeiten zu informieren. Gleichzeitig gelte es, Unternehmen davon zu überzeugen, dass sich ein Auslandsaufenthalt doppelt lohnt: als persönliche Erfahrung und als Kompetenzgewinn für den Betrieb. Einige Branchen, darunter die Automobil- und Luftfahrtindustrie sowie Hotellerie und Gastronomie, haben die Vorzüge deutsch-französischer Praxiserfahrungen teils bereits seit langem entdeckt. Doch konkrete Projekte beschränken sich oft auf Grenzregionen oder auf Unternehmen mit Standorten in beiden Ländern.

Gefragt sind engere bilaterale Kooperationen, etwa von deutschen Berufsschulen und den französischen Campus des Métiers et des Qualifications; auch Überlegungen zu gemeinsamen Berufsabschlüssen oder einer gemeinsamen Berufsschule, wie sie der deutsch-französische Kulturbevollmächtigte und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, ins Gespräch bringt, sind dringend erforderlich.

Damit deutsch-französische Berufsbildung zur Normalität wird und sich nicht nur auf Branchen wie Gastronomie und Tourismus beschränkt, sind also politisches Handeln und unternehmerischer Mut gefragt. Und diese Anstrengungen werden ohne Frage belohnt: Mit reichhaltigen Erfahrungen für die Auszubildenden und vielleicht auch mit neuen deutsch-französischen Kreationen in der Bäckerei nebenan: Wie wäre es zum Beispiel mit Brezeln aus Croissantteig oder französischen Cannelés mit Sanddorn? Die deutschen und französischen Bäckerei-Azubis in Berlin haben da so einige Ideen!

Deutsch-französische Berufsausbildung

  • Die deutsch-französische Berufsbildungsagentur ProTandem fördert und unterstützt Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Kammern bei der Umsetzung deutsch-französischer Austausche.
  • Das Deutsch-Französische Jugendwerk bietet verschiedene Fördermöglichkeiten für deutsch-französische Aus- & Fortbildungsprogramme an.
  • Die Deutsch-Französische Handelskammer bietet selbst ein deutsch-französisches duales Ausbildungsprogramm an und veranstaltet jährlich den Deutsch-Französischen Berufsbildungstag als größte Fachkonferenz zu diesem Thema.
  • Mit dem Projekt „Azubi-BacPro“ ermöglichen ausgewählte Berufsschulen in Baden-Württemberg und im Elsass seit 2015 Aufenthalte in der Partnerregion während der Ausbildung. Dazu gehört auch das Erlernen der Partnersprache. In Rheinland-Pfalz gibt es seit 2019 ein ähnliches Konzept.