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Refugee Food Festival

Zu Gast in fremden Küchen

Von Stefanie Eisenreich

Die afghanische Köchin Sadia Hessabi 2020 im Sternerestaurant Troisgros, © Mathilde Viana

26. Oktober 2020

Von der Kantine bis zum Sterne-Restaurant stellen Gastronomiebetriebe jedes Jahr geflüchteten Köchinnen und Köchen aus aller Welt im Rahmen des Refugee Food Festivals ihre Küchen zur Verfügung. Vom 11. bis zum 25. Oktober 2020 ging das Festival in Frankreich in seine fünfte Runde – gerade noch rechtzeitig vor dem zweiten Lockdown.

Am Abend, an dem der Syrer Haitham Karachay im Rahmen des Refugee Food Festivals kocht, ist die Karte vielversprechend. Wir befinden uns im Ibrik Kitchen, einem balkanischen Restaurant im zweiten Arrondissement von Paris. Die Plätze sind rar, ohne Reservierung hat man hier keine Chance. Ein Blick auf die Speisekarte verrät, dass das Menü an diesem Abend extra für das Festival angepasst wurde.

Eine der angebotenen Vorspeisen des Drei-Gänge-Menüs besteht aus einer fein gewürzten Kürbisscheibe in Joghurtsauce, angerichtet mit einem getrockneten Weinblatt. Für den Hauptgang wird Fisch oder Fleisch serviert, garniert mit saisonalem Gemüse und Reis, abgeschmeckt mit orientalischen Gewürzen. Ein Nachtisch auf Feigen rundet das Menü ab. Man kommt nicht auf die Idee, dass Haitham Karachay erst seit drei Jahren kocht. „Es sind die Rezepte meiner Mutter“, erzählt er später, als er nach dem Essen von Tisch zu Tisch geht und sich bei den Gästen nach deren Wohlbefinden erkundigt. „Diese Rezepte verfeinere ich, indem ich Techniken anwende, die ich hier in Frankreich gelernt habe.“

Haitham Karachay ist einer von über vierzig Köchinnen und Köchen, die in diesem Jahr am Refugee Food Festival teilgenommen haben. Vor fünf Jahren musste der 40jährige als politischer Flüchtling sein Heimatland verlassen. In Damas arbeitete er bei einem TV-Senders und engagierte sich in den sozialen Netzwerken gegen den Krieg. Als die Situation in Syrien zu heikel für ihn wurde, floh er nach Frankreich, wo er 2017 mithilfe des Vereins Kodiko Französisch lernte. Kurze Zeit später begann er eine achtwöchige Ausbildung zum Koch. Rückblickend staunt er heute selbst darüber. „In Syrien konnte ich nicht mal alleine ein Ei kochen“, sagt er lachend. Nach einem Praktikum und einem Jahr Festanstellung in einem französischen Restaurant nahm der frischgebackene Koch 2018 schließlich zum ersten Mal am Refugee Food Festival teil.

Austausch und Integration

2020 auf der Terrasse des Lyoner Museumsrestaurants Les Muses de l’Opéra, © Mathilde Viana

Es ist ein Festival der besonderen Art, das nicht nur den kulinarischen Austausch sondern vor allem die soziale und berufliche Integration Geflüchteter fördern will. Die Idee für das erste Refugee Food Festival entstand nach einer Weltreise. Marine Mandrila und Louis Martin, Initiatoren des Festivals, wurden sich während der Reise bewusst, wie sehr gemeinsames Kochen Menschen zusammenbringt, mit Stereotypen bricht und hilft, andere Kulturen besser zu verstehen.

Als 2015 die Flüchtlingskrise begann, standen die Debatten um die Aufnahme Geflüchteter in extremem Widerspruch zur Gastfreundschaft, die beide während ihrer Weltreise erlebt hatten. „Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass wir alle eines Tages einmal gezwungen sein könnten, zu fliehen“, so Marine Mandrila. „Wer würde sich nicht wünschen, in einer solchen Situation Unterstützung zu bekommen, um sich besser im Gastland integrieren zu können?“

Aus dieser Erfahrung heraus und dem Wunsch, sich für die Integration Geflüchteter zu engagieren, entstand schließlich die Idee für das Refugee Food Festival und den Verein Food Sweet Food, der das Festival im Juni 2016 zum ersten Mal in Paris organisierte. Damals beteiligten sich an dem Projekt elf Restaurants, die Gerichte aus Syrien, Sri Lanka, der Elfenbeinküste, dem Iran und Indien anboten.

Erfolgreich in aller Welt

Die Idee traf einen Nerv der Zeit. „Das Refugee Food Festival hatte damals so großen Erfolg, dass uns Menschen aus aller Welt  anriefen, weil sie das Festival auch in ihren Städten organisieren wollten“, sagt Marine Mandrila im Rückblick. In den Jahren danach folgten Städte wie Athen, Florenz, Rom, Amsterdam, Marseille, Bordeaux oder sogar New York und Kapstadt dem Beispiel von Paris. Auch aus Deutschland gab es Anfragen.

Die Initiatoren aber entschieden sich schließlich dafür, das Festival zunächst in Städten zu begleiten, in denen es bisher nur wenig Projekte für Geflüchtete gab. Unterstützung bekam der Verein dabei vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen sowie Partnern wie dem Roten Kreuz, der Nexity Stiftung, den Vereinen Singa oder France Terre d’Asile und vielen anderen mehr.

Sie alle ermöglichten es der Initiative zu wachsen und weitere Projekte ins Leben zu rufen. So eröffnete Food Sweet Food im Jahr 2018 im Pariser Ground Control im 12. Arrondissement das Restaurant La Résidence, in dem ausschließlich Geflüchtete kochen. Alle Köche und Köchinnen, die am Festival teilnehmen oder hier kochen sind im Besitz einer offiziellen Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis. Neben Restaurant und Festival gibt es einen Catering-Service, den Firmen in Anspruch nehmen können, sowie das Ausbildungsprogramm Sésame, das Geflüchteten die Ausbildung zum Koch bzw. zur Köchin ermöglicht.

Engagement in Zeiten des Lockdowns

Beim Refugee Food Festival handelt es sich um eine klassische Win-win-Situation: Restaurantbetreiber entdecken neue Rezepte und erweitern ihren kulinarischen Horizont, die Köchinnen und Köche sammeln Berufserfahrung, die ihre berufliche Integration fördert. 300 Restaurants, 19 Städte und fast 250 begleitete Küchenchefinnen und -chefs – so sieht die Bilanz zum fünften Geburtstag des Festivals aus, das in diesem Jahr aufgrund von Corona nur in Frankreich stattgefunden hat. Wie im Frühjahr soll es während des erneuten Lockdown einen Lieferservice für Menschen in Not geben.

Auch Haitham Karachay passt sich der Krise an. Er denkt an einen umweltbewussten franko-syrischen Catering-Service – vorerst von zuhause aus.

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