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Deutsch-Französischer Bürgerfonds

Teilhabe und Mitwirkung

Von Stefanie Eisenreich

Benjamin Kurc, © Nils Böhme

22. November 2020

Ein Interview mit dem neuen Leiter des Deutsch-Französischen Bürgerfonds, Benjamin Kurc, 32, über zivilgesellschaftliches Engagement, Herausforderungen in der Corona-Krise und die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen in der Zivilgesellschaft.

Als Ergänzung zum Élysée-Vertrag, mit dem die deutsch-französische Freundschaft am 22. Januar 1963 besiegelt wurde, unterschrieben die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron am 22. Januar 2019 den Aachener Vertrag, ein bilaterales Abkommen zwischen Deutschland und Frankreich über die deutsch-französische Zusammenarbeit und Integration. Eines seiner wichtigsten Projekte ist die Förderung des zivilgesellschaftlichen Austauschs zwischen Deutschland und Frankreich mittels des Deutsch-Französischen Bürgerfonds, mit der im April 2020 begonnen wurde.

Ausgestattet mit einem jährlichen Gesamtbudget von 2,4 Millionen Euro wird der Fonds vom deutschen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), dem französischen Bildungs- und Jugendministerium (DJEPVA) sowie dem französischen Europa- und Außenministerium (MEAE) finanziert. Die Umsetzung übernimmt in den ersten drei Jahren das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW). Bei erfolgreichem Verlauf dieser Pilotphase soll der Fonds ab 2023 weitergeführt werden.

Herr Kurc, Sie waren zuletzt Direktor des Institut Français Sachsen Anhalt in Magdeburg und sind nun seit dem 1. Oktober Leiter des Deutsch-Französischen Bürgerfonds in Paris. Wie ist das für Sie, wieder in Frankreich zu sein?

Es ist natürlich ein großer Wechsel jetzt in Paris zu sein, wenn man vorher in einer Stadt wie Magdeburg gelebt hat. Gerade ist es etwas hektisch, aber für die deutsch-französischen Beziehungen ist es wichtig, hier zu sein: Alle Wege führen nach Paris und über Paris hinaus, vor allem wenn man in einem deutsch-französischen Kontext arbeitet. Und bei einem Projekt wie dem Bürgerfonds geht es ja letztlich darum, auch dezentral zu arbeiten.

Was hat Sie dazu bewegt, sich beruflich für die deutsch-französischen Beziehungen zu entscheiden?

Das war ein Zufall. Ich bin in Nancy in Lothringen aufgewachsen, war aber in der Schule sehr schlecht in Deutsch. Allerdings habe ich mich immer für Geschichte und Philosophie interessiert. Das habe ich dann auch studiert. Da dachte ich mir, es wäre schön, die Texte auch in der Originalsprache zu lesen und die Erfahrung der Andersartigkeit zu machen. Und das am besten so früh wie möglich. Also bin ich zum Studium direkt nach Deutschland gegangen.

Sie haben mittlerweile langjährige Erfahrungen im deutsch-französischen Bereich. Sie haben an der Freien Universität Berlin und am Collège d’Europe Europawissenschaften und Neuere Geschichte studiert, waren als DFJW-Juniorbotschafter und später als interkultureller Ausbilder für deutsch-französisch-polnische Begegnungen tätig. Ist die neue Stelle die logische Fortsetzung Ihres beruflichen Werdegangs?

Es ist auf jeden Fall ein schöner Schritt weiter, ja! Der Bürgerfonds ist ein schönes neues Tool, um den deutsch-französischen Beziehungen eine neue Dynamik zu geben. Bürgerschaftliches Engagement ist heutzutage noch relevanter als je zuvor. Da stellt man sich die Fragen, wie man heutzutage Politik versteht oder was unsere Teilhabe an der Gesellschaft ist. Der Bürgerfonds will den Bürgerinnen und Bürgern zugutekommen. Es gibt ganz konkrete Fördermöglichkeiten für Vereine und Organisationen. Das ist keine Kooperation, die nur auf dem Papier steht oder nur die Zusammenarbeit zwischen den Regierungen stärkt, sondern eine, die die Bürgerinnen und Bürger konkret zusammenbringen will.

Wer kann sich bewerben?

Bewerben können sich alle, die in einer Organisation, einem Verein, einer Stiftung oder einer Bürgerinitiative engagiert sind und finanzielle Unterstützung für ein Projekt suchen, das für Deutschland, Frankreich und unsere Zivilgesellschaft relevant ist. Es gibt vier Kategorien. Je nach Größe des Projekts gibt es Förderungen in unterschiedlicher Höhe – kleine Finanzspritzen bis zu 5.000 Euro, größere Beträge von bis zu 10.000 Euro bzw. 50.000 Euro und für Leuchtturmprojekte sogar Summen von mehr als 50.000 Euro. Bei den Themen kann das alles Mögliche sein, was in der Zivilgesellschaft heutzutage eine Rolle spielt: Kampf gegen Diskriminierung, Demokratieförderung, Umweltschutz, generationenübergreifende Projekte … Die Bewerbung über ein Formular im Internet ist einfach und geht schnell. Jemand hat sogar gesagt, dass man höchstens zehn Minuten dafür braucht. Übrigens läuft noch bis zum 6. Dezember 2020 ein Projektaufruf für den Deutsch-Französischen Tag im Januar 2021 – der perfekte Zeitpunkt, eine deutsch-französische Aktion zu starten.

Welche Projekte wurden bereits gefördert?

Einen der ersten Anträge haben wir von einem Karateverein bekommen, der Kurse für Frauen anbietet, die Opfer von Gewalt geworden sind. Dieser Verein will mit einer Organisation in Deutschland zusammenarbeiten. Dann denke ich da auch an Europa Nova. Das ist eine Organisation, die deutsch-französische Webdebatten organisiert, die sich mit Perspektiven und Ideen für Europa beschäftigen. Außerdem haben wir vor kurzem die ersten deutsch-französischen Tage der Philanthropie unterstützt und natürlich fördern wir auch Städtepartnerschaften, die ihre Beziehungen trotz Corona digital aufrechterhalten. Insgesamt fördern wir bereits 96 Projekte!

Sie haben Anfang Oktober als Leiter des Bürgerfonds begonnen und sind gleich mit der Herausforderung eines neuen Lockdowns konfrontiert. Welche Auswirkungen hat das auf den Bürgerfonds und Ihre Arbeit?

Ich glaube, die Corona-Krise ist gerade ganz allgemein für die internationale Zusammenarbeit und für den internationalen Austausch äußerst schwierig. Natürlich kostet es Energie, wenn jetzt Projekte, die wir fördern und eigentlich noch hätten stattfinden sollen, abgesagt werden müssen. Und natürlich hatten wir alle die Hoffnung, dass nach dem ersten Lockdown alles besser geht. Hinzu kommt, dass wir, soweit es geht, im Homeoffice arbeiten müssen, aber da unser Team sowohl in Berlin als auch in Paris sitzt, arbeiten wir ohnehin auch auf Distanz eng zusammen. Die internationale Zusammenarbeit lebt aber natürlich vom Austausch mit anderen. Da ist der Lockdown umso schwieriger. Wir können nur versuchen, unsere Partnerinnen und Partner jetzt zum Umsteigen auf das Digitale zu ermutigen und für die Zukunft zu planen. Unsere erste Zwischenbilanz zeigt übrigens, dass das auch gut klappt: Podcasts, Videoprojekte, Online-Plattformen, digitale Diskussionsrunden oder Konferenzen, Workshops, virtuelle Kunstausstellungen und Konzerte, Online-Sprachkurs-Festival … Wir sind beeindruckt von der Kreativität und dem Durchhaltevermögen unserer Projektträgerinnen und Projektträger.

Was ist Ihr ganz persönliches Ziel, Herr Kurc?

Der Bürgerfonds soll ein anerkannter Akteur der deutsch-französischen Zusammenarbeit werden. Ich würde mir wünschen, dass der Bürgerfonds zur Referenz für das grenzüberschreitende bürgerschaftliche Engagement wird und auch Bürgerinnen und Bürger, die nicht an der deutsch-französischen Grenze leben, hier eine Möglichkeit sehen, sich zu engagieren und an der Gestaltung Europas teilzuhaben und mitzuwirken.

Deutsch-Französischer Bürgerfonds

Gastbeitrag der Regionalen Beraterinnen und Berater des Deutsch-Französischen Bürgerfonds zum Deutsch-Französischen Tag am 22. Januar 2021

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