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60 Jahre Renault 4

Unterwegs mit der Quatrelle

Von Anke Steinemann und Jens F. Meyer

© Shutterstock

08. August 2021

Hommage an eine Ikone auf vier schmalen Reifen, mit großer Heckklappe und kleinem Motor: Der Renault 4 feiert im Sommer 2021 seinen 60. Geburtstag. Und wir waren mit der Quatrelle nördlich der Loire kreuz und quer in Frankreich unterwegs.

Das erste Modell lief am 8. August 1961 vom Produktionsband der Régie Nationale des Usines Renault in Boulogne-Billancourt bei Paris. Bis 1992 wurden über acht Millionen Einheiten gebaut, exakt 8.135.424 – als Kombi und als Kastenwagen, „Plein Air“ und sogar als Pickup. Das Konkurrenzmodell 2CV Deux Chevaux (Döschwo in Österreich und in der Schweiz) von Citroën, hierzulande „Ente“ genannt und von 1949 bis 1990 auf dem Markt, bringt es nur auf knapp über fünf Millionen.

Mit dem R4 auf Tour

Wir waren Tausende Kilometer mit der Quatrelle (4L), wie der R4 auf Französisch heißt, nördlich der Loire kreuz und quer in Frankreich unterwegs – aus Überzeugung und mit Leidenschaft. Auf den Routes départementales ging es immer der Nase nach, klassisch mit Michelin-Atlas an Bord und der Gewissheit, morgens nicht zu wissen, wo man abends ankommen und schlafen wird. Wir trafen auf originelle Burgbesitzer, kauzige Bretonen und normannische Marmeladenzauberer. Wir entdeckten den Eiffelturm in einem Vorgarten, hörten die Sterne über einer Abtei knistern und standen vor dem Tor zum Paradies für alle R4-Fahrer: ein auf dieses Modell spezialisierter Kfz-Betrieb in der Normandie.

Ein Paradies für R4-Fahrer: vor einer Spezial-Werkstatt in Beaumont-en-Auge in der Normandie, © Steinemann/Meyer

Allez, allez ! Sollen sie überholen, die großen, schönen, schicken Autos, die mächtigen Boliden, die nach zwei Jahren alle nur noch die Hälfte wert sind und von keinem ihrer Fahrer unterwegs repariert werden könnten. Beim R4, dessen Wertverlust sich in Grenzen hält, liegen die Dinge anders. Ein Schraubenschlüsselsatz, ein paar Lampen und Sicherungen, dazu eine Strumpfhose, falls der Keilriemen reißt. Der R4 läuft. Und läuft. Sein Motor surrt und schnurrt auf seines Mutterlandes Straßen, ja, es hat den Anschein, dass er sich hier wirklich wohlfühlt, der kleine Renault, und nichts scheint ihn davon abzuhalten, bis an die Atlantikküste zu rollen.

Der Reiz der Entschleunigung

Mit 34 PS und knapp 1000 Kubikzentimetern Hubraum ist der kleine Franzose mit der Raute nicht besonders schnell – aber genau darin liegt sein Reiz: Weil wir in dieser Entschleunigung keine Zeit verlieren, sondern Augenblick für Augenblick hinzugewinnen, Landschaften, Dörfer, Städte und Menschen viel intensiver erleben. Wenn es sein muss, auch mal im Schritttempo auf einem Teilstück der mit grobem Kopfsteinpflaster ausgelegten berühmt-berüchtigten Radrennstrecke Paris-Roubaix. Der Vierzylinder mit dem Nähmaschinensound versieht seinen Dienst gewissenhaft. Und immer wieder diese Begegnungen mit den Franzosen. Fröhlich winken sie uns zu, streicheln über den Lack der Quatrelle, schauen unter die Motorhaube, sind entzückt.

In der Bretagne vor dem Hôtel du Pouldu, wo schon der Maler Paul Gauguin einkehrte; © Steinemann/Meyer

D wie Départementale

Es ist, als würde sie fliegen, die kleine, sandfarbene Quatrelle, als würde sie ihre Flügel ausbreiten, um die Welt zu umarmen. Vier Zylinder voller Adrenalin, wie kurze Gewitter, die durch die Straßen ziehen. Sie führen von einem Dorf zum anderen, die Namen zum Verlieben tragen: Arrancy-sur-Crusne, Bras-sur-Meuse, Cons-la-Grandville.

Manchmal werden diese Straßen zu Wegen, verengen sich, verlieren ihre Mittelstreifen, ihre Leitplanken und Bankette, haben Schlaglöcher und Asphalt-Flicken, doch sie gewinnen an Kontur und Leben und zeichnen mit jeder nächsten Kurve immer deutlichere Bilder von la douce France. Einsam, aber nicht verlassen, taucht dann und wann ein kleines Dorf auf, bisweilen sind es nur ein paar Häuschen, ein Weiler, der sich in lieblicher Landschaft wie aus dem Nichts erhebt.

Klassische Routenplanung, © Steinemann/Meyer

Viele Wege führen nicht dorthin, manchmal ist es ein einziger nur, und der Grenzstein am Fahrbahngraben trägt ein „D“. Es steht für Route départementale und sie ist wie geschaffen für Entdeckungen am Wegesrand. Nationalstraßen, Routes nationales, und Autobahnen, Autoroutes, wurden gebaut, um schnellstmöglich ans Ziel zu gelangen. Die Départementales aber sind selbst das Ziel, sie sind die wahren Lebensadern Frankreichs, die Venen und Arterien des flächenmäßig größten Landes in Westeuropa. Allons-y, Quatrelle ! Hier ist dein Revier!

Gesegnet sei der Bar-Tabac

Als in Montbard eine Blutbuchenallee Spalier steht, um dem Helden der Landstraße ihre Ehrerbietung zu erweisen, dauert es nicht lange, bis die D1, gewissermaßen die Mutter aller Départementales, den R4 über den Armançon führt, ein Flüsschen, das wie so viele andere unbegradigt in Schlangenlinien mäandern darf. Flieder schubbert sich an Hausfassaden, Blauregen hangelt sich hinauf und regnet seine Blüten nieder, weißgelbe Kühe wiederkäuen auf Löwenzahnwiesen. Und von Zeit zu Zeit lädt ein Bar-Tabac zum Verweilen ein.

Chez Laurette in Sauvigny liegt hübsch an der Ortsdurchfahrt. Deux kirs cassis, s‘il vous plaît ! Gesegnet sei der Bar-Tabac, von denen es in Frankreich überall welche gibt. Schöne, schicke, angeranzte, hübsch-hässliche, verrauchte, verwitterte, verwunschene, saubere und solche mit klebrigen Tischen; es sind Kneipen mit rissigen, lächelnden Fassaden, auf deren Terrassen für die Katzen des Dorfes eine Schale mit Wasser steht und wo die Sonnenschirme mit jedem Sommer ein bisschen mehr an Farbe verlieren. Ein Bar-Tabac ist wichtiger als Eiffelturm, Louvre und Triumphbogen zusammen, weil er kein statisches und vor allem kein touristisch planbares Zwischenziel ist, das man aus Reiseführern, Büchern und Fernsehen kennt, sondern ein sehr lebendiger Teil der Seele dieses Landes, das sein menschliches Antlitz zeigt. Nirgendwo ist sie deutlicher zu spüren.

Mit der Quatrelle in Richtung Bretagne

Apéro mit Blick aufs Château du Rivau in der Touraine, © Steinemann/Meyer

Jean-Marc, unser Freund in der Bretagne, hatte so seine Zweifel. „Ihr wollt wirklich mit der Quatrelle zu uns kommen? Das glaube ich erst, wenn Ihr da seid! Wenn Ihr das schafft, gibt es Champagner, dann lassen wir die Korken knallen.“ – „Abgemacht. Fang schon mal an zu sparen“, hatten wir geantwortet.

Sein Blick war eine Mischung aus Hoffnung, Heiterkeit und Entsetzen. Knapp 1000 Kubikzentimeter Hubraum sind schließlich nicht gerade zeitgemäß, auch nicht für jemanden, der in den Sechzigerjahren in genau einem solchen Fahrzeug seine Führerscheinprüfung bestanden hat, damals, als die Rolling Stones Get off of my cloud und Paint it black spielten. Vom Design und Komfort des Wagens ganz zu schweigen.

Ohne Servolenkung und mit Revolverschaltung, vibrierenden Außenspiegeln und innen Rock ’n’ Roll ging es los – am Bug vorneweg der Rhombus der Marke Renault.

Im Uhrzeigersinn um Paris herum, kreuz und quer durchs Land und seine ganz unterschiedlichen Regionen voller Geschichte und Geschichten, die Melodie der vier Zylinder als ein steter Begleiter in Dur. Wir fahren durch die Champagne; wir erreichen Burgund und Franche-Comté und dringen weiter hinein in den Garten Frankreichs, bis zur Loire, „wo das junge Gras in smaragdener Färbung sprießt, und auf der weiten, vom frischen Morgenwind leicht gekräuselten Wasserfläche, die dieser majestätische Fluss entfaltet, (…) sich die Sonne in unzähligen Facetten bricht“, wie es der große Balzac einst in seinem Buch Die Frau von dreißig Jahren (La femme de trente ans, 1842) so trefflich formulierte.

In Arc-en-Barrois, Region Grand-Est, © Steinemann/Meyer

Magische Momente

Welche große Freude, hier zu sein, hier, wo so manche Burgruine so sehr strahlt wie die weißen Wunderschlösser. Château Cinq-Mars-la-Pile ist so ein magischer Ort. Nur zwei Türme stehen noch, aber Gildas Malivel und Louis-Paul Untersteller kümmern sich liebevoll um ihren Besitz, dessen Grundmauern tausend Jahre und älter sind. Als Baum möchte man hier wurzeln, als Blume hier erblühen. Wir waten schon auf den ersten Metern in Freude, und die Gezeiten, die diese Festung bestimmen, sind Tag und Nacht und Sonne und Mond. Und Louis-Paul, dem sie gehört. „Bonjour, da seid Ihr ja!“, begrüßt uns der Burgbesitzer mit freundlichem Lachen, uns und unsere Quatrelle.

So führt uns die Reise immer tiefer durch dieses gelobte Land. Das sinnliche Loire-Tal, das geheimnisvolle Binnenland der Bretagne, die berauschende Atlantikküste, das liebliche Pays d’Auge, das wunderschöne Pays de Caux der Normandie. Landschaften, Menschen und magische Momente fügen sich nach und nach zu einem vollkommenen Bild zusammen. Das ist kein Urlaub, das ist eine Reise voller Entdeckungen und Begegnungen. Aus einem Reisetraum wurde dank der Quatrelle eine Traumreise. Champagner!

Anke Steinemann & Jens F. Meyer, Im ersten Gang geht’s immer rauf. Mit dem Renault R4 durch Frankreich. 360° medien, Mettmann, 2020

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