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Paris Greeters

„Komm als Gast – geh als Freund!“

Von Wolf Jöckel

© Greeters

02. November 2021

Das Motto der in über 30 Ländern vertretenen internationalen Greeters-Bewegung gilt auch für „Parisien d’un jour“, die Greeters von Paris. Sie bieten abseits des Massentourismus kostenlose Stadtführungen von 2–3 Stunden an.

Was bedeutet der Elefant auf der place de la Bastille? © Wolf Jöckel

Der vereinbarte Treffpunkt ist um 10 Uhr auf den Stufen der Opéra Bastille. Der Greeter, ein ehrenamtlicher Stadtführer von Parisien d’un jour, und seine beiden Gäste aus Deutschland erkennen sich sofort: Sie hatten vorher per E-Mail kurze persönliche Beschreibungen ausgetauscht.

Die Freude ist groß, dass das vor Wochen schon vereinbarte Treffen nun endlich stattfindet. Und dazu scheint auch noch die Sonne! Die beiden Gäste (hôtes, wie sie in der Greeters-Terminologie heißen), waren schon zweimal in Paris, aber auch am bekannten Bastille-Platz gibt es genug Fragen: Was bedeuten die Elefanten-Abbildungen, die in den Boden des Platzes eingelassen sind? Warum beschreibt die schnelle Metro-Linie 1, die Paris von West nach Ost verbindet, bei der Station Bastille einen großen Bogen? Warum ist der Zufluss zu dem Arsenal-Hafen – weiter im Norden ist das der Kanal Saint-Martin – überdeckelt?

Im Viertel des Greeters

Dann geht es in den Faubourg Saint-Antoine. In diesem Viertel ist der Greeter zu Hause und er hatte es als das Ziel des gemeinsamen Spaziergangs vorgeschlagen. In den gängigen Reiseführern taucht es meist nicht auf. Es gibt hier kein Museum, keine außerordentliche Sehenswürdigkeit, auch keinen einzigen Souvenir-Laden. Touristen verirren sich folglich nur selten dorthin. Ein Spaziergang durch dieses Viertel entspricht damit genau dem Konzept der Greeters: Es sollen nicht die touristischen Highlights im Mittelpunkt stehen, und es soll auch nicht professionellen Stadtführern Konkurrenz gemacht werden. Greeters sollen stattdessen ihren Gästen etwas von einem eher unbekannten, aber gleichwohl interessanten Teil der Stadt zeigen und ein Stück weit an ihrem Pariser Alltag teilhaben lassen – zwar nicht für einen ganzen Tag, aber für zwei bis drei Stunden.    

Auf der rue du Faubourg Saint-Antoine, © Wolf Jöckel

Und natürlich soll es nicht – wie bei den meisten professionellen Führungen – einen Monolog geben, sondern eher ein beide Seiten bereicherndes Gespräch. Dazu bietet schon die Straße Anlass, durch die es jetzt geht. Es ist die rue du Faubourg Saint-Antoine, eine unauffällige Straße. Allerdings ist sie, wie der Greeter erläutert, im Zuge der von der Pariser Bürgermeisterin Hidalgo energisch betriebenen Verkehrswende seit kurzem verkehrsberuhigt. Für den privaten Autoverkehr gibt es nur noch eine Spur, profitiert haben davon Fußgänger und Fahrradfahrer und natürlich die Anwohner.

Aber gab und gibt es keinen Widerstand gegen die Zurückdrängung des Autoverkehrs, wollen die Gäste aus Deutschland wissen. Den gibt es natürlich auch, erläutert der Greeter. Beispielsweise sei sein Friseur, der aus einem mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schlecht erreichbaren Ort des Umlandes komme, ein erbitterter Kritiker. Seiner Meinung nach ist die städtische Verkehrspolitik ziemlich egoistisch; von ihr profitierten nur die reichen Pariser. Wer wie er in Paris arbeite, sich aber dort keine Wohnung leisten könne, habe nur Nachteile. Und mit der Verkehrsberuhigung stiegen natürlich die Miet- und Kaufpreise noch weiter an. Paris werde immer mehr zu einer Stadt der „BoBos“ (bourgeois bohémiens), des gutsituierten Bürgertums. Und wie ist das in Deutschland, will der Greeter wissen, in Köln, wo die beiden Besucher herkommen. Schon ist man in einem anregenden Gespräch …

Geschichtsträchtiges Pflaster

Das Viertel, nach dem die Straße benannt ist, ist in hohem Maße geschichtsträchtig: Es war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts das Zentrum der französischen Möbelproduktion, und viele Jahrhunderte hatten dort die französischen Kunsttischler, die ébénistes, ihre Werkstätten: Die Kommode (abgeleitet vom Adjektiv commode = bequem) wurde hier erfunden, zahlreiche deutschsprachige Tischler haben hier für den hohen Adel  des Ancien Régime gearbeitet. Der aus Gladbeck stammende Johann Heinrich (Jean-Henri) Riesener zum Beispiel unterhielt am Vorabend der Französischen Revolution im Faubourg nicht weniger als 30 Werkstätten! Das erzählt der Greeter, während die kleine Gruppe die Straße entlanggeht.

Vom alten Glanz ist heute kaum etwas erhalten. Aber es gibt noch die früheren Handwerkerhöfe, die inzwischen meist in noble Wohnenklaven umgewandelt wurden. Da ist es gut, mit einem ortskundigen Begleiter unterwegs zu sein: Der kennt die Höfe, die sich nur auf Knopfdruck öffnen, aber auch andere, die immer frei zugänglich sind wie den Cour du Bel Air, wo es im Hof noch steinerne Abgrenzungen für das Holz gibt, das früher dort gelagert wurde, eine große steinerne Platte, die die Musketiere einer benachbarten Kaserne als Würfelbrett benutzt haben sollen und in einem der anliegenden Gebäude eine wunderschöne alte Eichenholztreppe, wie sie früher dort üblich waren. Und es gibt die Filiale eines Immobilienmaklers: Da betrachtet man zusammen das Angebot: Unter 10.000 Euro für einen Quadratmeter gibt es nichts – und das ist erst der Anfang. Für eine Wohnung in den ehemaligen Handwerkerhöfen wie diesen sind die Preise noch wesentlich höher. Das interessiert die beiden Paris-Besucher: Wer kann da noch mithalten? Was bedeutet das für die Menschen, was für das Viertel? Und wie sieht das in Deutschland aus, will der Greeter wissen: Wieder reichlich Stoff für ein spannendes, vergleichendes Gespräch.

Street-Art von Invader, © Wolf Jöckel

Details am Rande

Auf dem Weg durch den Faubourg zeigt der Greeter nicht nur einige der alten Höfe, sondern er weist auch auf Details am Rande hin: Zum Beispiel auf eine versteckte Markierung, die die Höhe des verheerenden Hochwassers der Seine von 1910 anzeigt; oder kleine Werke von Pariser Street-Art-Künstlern wie dem Invader, die das Straßenbild der Stadt mitgeprägt haben. Und natürlich zeigt er den Ort einer der letzten Barrikaden der Pariser Commune von 1871 und die große Plakette an der Wand eines Hauses. Die ehrt mit goldenen Lettern den Armenarzt Baudin, der dort 1851 erschossen wurde, als er gegen den Staatstreich von Louis Napoleon Bonaparte, dem späteren Napoleon III., protestierte: Der Faubourg Saint-Antoine  war ja nicht nur, wie der Greeter erläutert, das Viertel des Holzhandwerks, sondern auch das Viertel der Revolutionäre.

Erinnerung an das Hochwasser von 1910, © Wolf Jöckel

Inzwischen ist es schon 12 Uhr! Wie schnell die Zeit vergeht! Aber ein Gang über den marché d’Aligre, einen der ältesten Märkte von Paris, muss noch sein. Denn die beiden Gäste haben ausdrücklich auch „Märkte“ als Interessenschwerpunkt für den Rundgang angegeben. Es gibt einen Straßenmarkt vor allem mit Obst und Gemüse, wo der Greeter von Ibrahim, einem  Händler, freundlich begrüßt wird; er stammt wie die meisten seiner Kollegen aus Nordafrika. Und dann ist da das wunderbare Fischgeschäft Paris pêche mit einem vielfältigen Fischangebot, dazu Austern, Muscheln, Garnelen und lebenden Hummern, und es gibt eine alte Markthalle, wo unter anderem die Käseauswahl beeindruckend ist. Damit ist das Ende des für den Greeter und die beiden Paris-Besucher anregenden und wie im Flug vergangenen Spaziergangs gekommen. Für die beiden war es die erste Erfahrung mit einem Greeter, aber sie sind sicher, dass es nicht die letzte war.

Herzlicher Abschied

Der Abschied ist herzlich. Der ehrenamtliche Greeter erhält ein besonderes Dankeschön: eine Flasche Kölsch und eine Tafel Schokolade aus dem Kölner Schokoladenmuseum. Und wenn er mal nach Köln kommt, ist er zu einem Stadtbummel eingeladen. Dem gemeinnützigen Verein werden die beiden zufriedenen Gäste 20 Euro spenden, die sie sogar von der Steuer absetzen können.  Die Greeters werden zwar von der Stadt Paris unterstützt, sind aber auf solche Spenden angewiesen.

Im Paris pêche, © Wolf Jöckel

Praktische Informationen

Die Anmeldung zu einem Spaziergang mit Parisien d’un jour kann u. a. über die Homepage der Organisation erfolgen. Das Anmeldeformular gibt es auch auf Deutsch. Man kreuzt darauf die Interessenschwerpunkte an, z. B. Geschichte, Architektur, Gastronomie, Märkte. In einem freien Feld kann man besondere Wünsche äußern.

Neben Deutsch empfiehlt es sich, auch Englisch oder Französisch als Alternative für die Sprache der Führung anzukreuzen – das erhöht die Zahl der verfügbaren Greeter; und natürlich gibt man mögliche Zeiträume für die Führung an.

Mit Hilfe dieser Vorgaben sucht der Verein einen passenden Führer aus, der Zeit und Lust hat, einen konkreten Vorschlag für den Rundgang zu machen. Der wird den Interessenten mitgeteilt, die das Angebot im Allgemeinen gerne annehmen. Der interessanten Bereicherung des geplanten Paris-Aufenthaltes steht nun nichts mehr im Weg.

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