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Cannes

Ein Wintermärchen

Von Birgit Holzer

© Shutterstock

25. Januar 2020

Die Internationalen Filmfestspiele machten Cannes weltberühmt. Für den Tourismus entdeckt hat es der britische Lordkanzler Brougham 1834 im Winter – damals wie heute ein Geheimtipp.

Vielleicht war die Atmosphäre hier vor fast 200 Jahren so ähnlich wie an diesem milden Januarvormittag. Damals im 19. Jahrhundert, als der englische Baron Henry Peter Brougham auf der Durchreise erstmals nach Cannes kam und das beschauliche Fischerdorf an der Mittelmeerküste für sich und für den Tourismus entdeckte, so dass es zu dem wurde, was es heute die meiste Zeit des Jahres über ist: nobel, elegant, glamourös und beliebt bei den „Reichen und Schönen“. Schon bevor diese Entwicklung einsetzte, gab es einen Markt, auf dem frischer Fisch verkauft wurde und auch die „Socca“, der regionaltypische Fladen aus Kirchererbsenmehl, Olivenöl, Salz und Wasser, wurde hier im Steinofen gebacken.

Unverwechselbare Stimmung

In den Wintermonaten kommt ein wenig von jener Stimmung in das mondäne Cannes zurück, die sonst vergangen zu sein scheint. Dann wird es wieder zu einem ruhigen Städtchen am Mittelmeer mit gemächlichem Rhythmus – während die Orte an der Côte d‘Azur das restliche Jahr über regelrecht überlaufen sind. Außerhalb der Saison aber finden Besucherinnen und Besucher Platz und ein wenig Ruhe in den italienisch angehauchten Restaurants, den Cafés und Straßen wie der Rue d‘Antibes mit ihren – oftmals exklusiven, da auf eine wohlhabende Kundschaft eingestellten – Boutiquen.

Iles de Lérins, ©semec-dervaux.

Die Inseln Sainte-Marguerite und Saint-Honorat, auf die im Sommer tausende Touristen mit der Fähre gelangen, liegen dann fast unberührt und ohne das Zirpen von Zikaden da mit ihren Eukalyptus-Bäumen und Kiefern, der Zisterzienser-Abtei mit Restaurant und Gästehaus auf Saint-Honorat und dem Fort Royal auf Sainte-Marguerite: In dem einstigen Staatsgefängnis war der mysteriöse „Mann mit der eisernen Maske“ Gefangener Ludwigs XIV. Heute übernachten hier Jugendgruppen, vor allem in der Sommerzeit, wenn Cannes zu einer Hochburg des Tourismus wird.

Die Entdeckung der „blauen Küste“

Die Anfänge dafür liegen bei eben jenem Lordkanzler Brougham, der 1834 in dem damaligen Fischerdorf eine Cholera-Erkrankung auskurierte, sich regelrecht verzaubern ließ vom Ort, dem milden Klima und dem mediterranen Licht, sich 1835 die Villa Eléonore Louise bauen ließ und immer mehr Landsleute an die „blaue Küste“ holte. Sie kamen nach Cannes, nach Menton an der italienischen Grenze oder Nizza, wo der Name der Uferpromenade, Promenade des Anglais, bis heute von den Gästen im Winter zeugt, die vor dem feuchtkalten Klima in ihrer Heimat hierher flohen. Ab 1850 erleichterte eine Eisenbahnstrecke die Anreise wesentlich; in der Folge entstanden Hotels, Sanatorien und Casinos für die zahlungskräftige Kundschaft, oftmals der europäischen oder russischen Aristokratie entstammend.

Bald kamen sie nicht mehr nur im Winter. Für die ersten Badeurlauber wurden Sandstrände aufgeschüttet und in Cannes erfanden die englischen Brüder William und Ernest Renshaw, mehrmalige Wimbledon-Gewinner, um 1880 den Sandplatz für den Tennissport: Weil der Boden unter der Sonne brannte, bedeckten sie ihn mit rotem Staub, der von den regionaltypischen Tontöpfen stammte.

Die Bucht von Cannes mit der Strandpromenade La Croisette, ©semec-perreard

An der ab 1850 in Cannes angelegten Strandpromenade La Croisette entstanden Anfang des 20. Jahrunderts legendäre Luxushotels wie das Carlton, Majestic oder Martinez, in Nizza das Negresco. Sie sind bis heute in Betrieb.

Stadt der Festivals und Messen

Einige Jahrzehnte später hatte der Stadtrat von Cannes eine zündende Idee, um auch im Frühjahr Gäste anzulocken und ein kulturelles Highlight zu schaffen: Ab den 1950er Jahren organisierte er die Internationalen Filmfestspiele, die jedes Jahr Stars und Sternchen aus der ganzen Welt auf den roten Teppich sowie deren Fans an die Croisette locken. Der 1949 eigens dafür errichtete Festivalspalast wurde 1982 durch einen modernen Gebäudekomplex ersetzt, der auch für andere Großveranstaltungen, Kongresse und Messen genutzt wird; sie bescheren Cannes auch außerhalb der Hauptsaison ausgebuchte Hotels: Inzwischen gibt es ein internationales Spiele-und ein Serienfestival, eins für die E-Tourismus-Industrie (INTO Days) und das Elektro-Festival Les Plages Électroniques.

Mythos Luxus

„Wir wollen die Stadt dynamisieren, ihr ein jüngeres Image verleihen“, sagt Régis Faure, Tourismus-Direktor von Cannes, das neben seinen rund 8000 Hotelzimmern über ebenso viele Ferien-Wohnungen verfügt. Die Croisette wurde aufgehübscht, die insgesamt sieben Kilometer langen Sandstrände attraktiver gemacht; im Januar veranstaltet die Stadt zum Winterschlussverkauf die Aktion „Sales & the city“, um Wochenend-Gäste zum Shoppen anzuziehen. Faure spricht von Cannes als „Open-Air-Einkaufszentrum“, da alles fußläufig zu erreichen sei. Wenn auch mit einer gewissen Positionierung: „Der Mythos des luxuriösen Cannes macht es unverwechselbar. Dieses Image wollen wir bewahren, weil wir uns damit abheben.“ Zu diesem Bild gehört auch der Yachthafen mit seinen beeindruckenden Luxusyachten, die zwischen dem Festivalspalast und der Altstadt Le Suquet vor Anker liegen.

Der Palais des festivals et des congrès, ©semec-fabre

Zugleich gebe es sowohl bei den Hotels als auch bei den Restaurants und Geschäften ein breites Angebot in allen Preisklassen. Auch weist er auf den pittoresken Fischmarkt mit 18 lokalen Fischern hin und die offenen Künstler-Ateliers auf dem „Suquet des Artistes“ im historischen Altstadtkern, wo wechselnde Ausstellungen ihr Publikum finden.

Mit rund drei Millionen Touristinnen und Touristen pro Jahr habe die 74000-Einwohner-Stadt das Besucher-Niveau von der Zeit vor den Attentaten von Paris 2015 und in Nizza 2016 wieder erreicht. Vor allem die amerikanischen Gäste, die danach zeitweise ausblieben, sind zurück. Und die Engländer? Sie haben die Region nie wirklich verlassen und sind ihr treu geblieben, seit Baron Brougham sie entdeckt hat.

Krimis aus Cannes

Die Krimi-Autorin Christine Cazon heißt eigentlich Christiane Dreher und stammt aus Deutschland. Sie lebt und schreibt seit einigen Jahren in Cannes, wo sie mit einem „Cannois“, also einem Einheimischen, verheiratet ist. Inzwischen hat sie im Kiepenheuer & Witsch Verlag sieben Romane veröffentlicht („Das tiefe blaue Meer der Côte d’Azur“ u. a.), in denen der gemütliche Kommissar Léon Duval jeweils einem Mordfall auf der Spur ist. Cazon sagt, sie wolle in ihren Büchern nicht nur die glamourösen Seiten von Cannes als idealisiertem Urlaubsparadies beschreiben, sondern ihren deutschen Leserinnen und Lesern auch den Alltag in Südfrankreich näherbringen, verpackt in eine Krimi-Handlung rund um eine aktuelle Thematik –die Flüchtlingskrise etwa oder das Schicksal der lokalen Fischer. Die Erzählungen sind gespickt mit französischen Ausdrücken oder Erklärungen über die für diese Region typische Lebensart –  angefangen beim Essen. Das Stammlokal von Kommissar Duval gibt es tatsächlich, Christine Cazon kehrt hier selbst gerne ein. Wo genau das Restaurant sich befindet und wie es in Wirklichkeit heißt, müssen die Leserinnen und Leser aber selbst herausfinden. Ein Tipp: Es liegt direkt am Strand.

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