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Fernradwege in Frankreich

Entschleunigt reisen

Von Marie Lucas

© Marie Lucas

10. August 2021

In vier Monaten 4000 Kilometer mit dem Fahrrad durch Mitteleuropa, davon in 50 Tagen 1800 Kilometer durch Frankreich: anstrengend, aber voller Erlebnisse.

© Marie Lucas

Aus Belgien kommend erreichen wir die französische Grenze an einem der heißesten Tage des Jahres. Es ist schon Nachmittag, die Fahrradhose und das Meersalz kleben auf der Haut, die Wasservorräte neigen sich ihrem Ende zu. Bonjour la France!

Meistens nutzen wir das Radfahrerportal www.WarmShowers.org, um Unterkünfte ausfindig zu machen. Ab dem 14. Juli ist jedoch ganz Frankreich im Urlaub und so finden wir keinen Gastgeber für diesen Abend. Camping sauvage, Wildcampen, ist die einzige Möglichkeit in dieser Nacht – auch wenn das in Frankreich offiziell verboten ist. Entsprechend früh machen wir uns am nächsten Tag wieder auf den Weg.

Bei annähernd 40° Celsius treffen wir auf dem Campingplatz in Ardres im Département Pas-de-Calais ein und schlagen unser Zelt neben dem Angelteich auf. Auf Schildern von deutschen Kiosken steht in der Regel: „Snacks, Zeitungen & Kaffee“. Auf den französischen Schildern steht hier „Bar, Tabac, Loto, Presse et Articles de Pêche“. Also alles was man zum Leben – und zum Angeln – braucht.

Der Chef des Campingplatzes zeigt uns eine Ecke mit Picknicktisch und Steckdosen für Radtouristen, die inzwischen immer häufiger in sein Gîte les quatre Lacs kommen.

Auf dem EuroVelo 4

Der französische Teil des europäischen Langstreckenradweges EuroVelo 4 heißt Vélomaritime und sollte uns, der wunderschönen Küstenlinie folgend, eigentlich von Dunkerque nach Roscoff führen. Aber an der Küste ist es einfach zu voll. So ändern wir unsere Pläne und bewegen uns ins Hinterland in Richtung Amiens. Jeden Tag wird es heißer und die Bepflanzung der Straßenränder ist spärlich; Schatten spendende Bäume sucht man vergeblich. Auch ist es hier deutlich hügeliger als an der Küste, und immer noch ist es schwer, Unterkünfte zu finden. Nach ein paar Tagen geben wir auf; in der Bretagne wollen wir einen neuen Versuch starten.

Der Pass Découverte Normandie der französischen Eisenbahn SNCF ermöglicht unbegrenzte Fahrten innerhalb des Départements und scheint die beste Möglichkeit zu sein, nach Rennes, dem Tor zur Bretagne, zu gelangen – aber während der Urlaubssaison stehen Teile des Nahverkehrs still, da er eigentlich Berufspendlern zur Verfügung steht. So kommt es, dass unsere Reise ungeplant durch Paris führt, wo wir den Bahnhof wechseln müssen.

Wir hatten Fahrradstellplätze gebucht, in französischen Zügen sind das Haken an der Decke. Das bedeutet: alle 11 Taschen abmontieren, zwei Räder in aufrechter Position mit dem Vorderrad an einen Haken hängen und dann alle Taschen unter und neben die Räder stellen. Beim Aussteigen in Paris heißt das: 11 Taschen und zwei Räder auf einen vollen Bahnsteig ausladen, Räder wieder beladen, und dann erst geht es zur Gare Montparnasse – wo alles aufs Neue beginnt. Eine positive Überraschung: Paris hat sich zu einer sehr fahrradfreundlichen Stadt entwickelt.

In der Bretagne

In Rennes empfängt uns unser erster französischer WarmShowerer. Er zeigt uns eine Karte mit den bretonischen Voies vertes, die Wanderern und Radfahrern vorbehalten sind. Am nächsten Morgen starten wir auf einem dieser „grünen Wege“ in Richtung Camping Merlin l‘Enchanteur, ein Campingplatz mitten im „Zauberwald“ von Brocéliande.

Der Platz liegt neben einem kleinen Dorf. Ein Rathaus (Mairie), eine Kirche (Église), eine Bäckerei (Boulangerie) und ein Denkmal für die Gefallenen der Weltkriege (Monument aux morts des deux guerres mondiales) bilden die Dorfmitte. Und wie wir feststellen werden: auch die Mitte jedes anderen Dorfes, durch das wir in den kommenden Monaten fahren werden.

Ich wundere mich ein wenig über das Wetter, denn als Kind habe ich gelernt „Quand tu arrives en Bretagne, il pleut. Quand tu en pars, tu pleures“ (wenn Du in der Bretagne ankommst, regnet es. Wenn Du sie verlässt, weinst Du), aber bis jetzt scheint die Sonne. Erst wenige Kilometer vor Le Sourn, einem kleinen Ort nahe Pontivy, schüttet es wie aus Eimern und als wir ankommen, sind wir völlig durchnässt.

Wir übernachten bei einer älteren bretonischen Dame, bei der es das bretonische Nationalgericht galettes complètes, Buchweizenpfannkuchen, gibt. Am nächsten Morgen geht es weiter, nun am wunderschönen Küstenfluss Blavet entlang. Seit wir Rennes verlassen haben, gab es keinen größeren Supermarkt auf der Strecke und auch Häuser stehen nur vereinzelt in der Landschaft. Zwischen dem dünnbesiedelten Hinterland und den quirligen Küstenorten besteht besonders im Sommer ein Riesenunterschied.

© Marie Lucas

Weiter geht es über Auray und Trinité-sur-Mer nach Belle-Île-en-Mer, wo wir zwei Wochen bleiben. Auf dem Campingplatz in der Mitte der Insel wohnen um diese Jahreszeit viele Saisonarbeiter und auch Inselbewohner, denn die Mieten sind in der Saison für viele unbezahlbar.

Auf dem EuroVelo 6

Wir verlassen die Insel mit dem Plan, uns nun auf den Eurovelo 6 zu begeben, ein sehr gut ausgebauter Radweg, der uns von der Bretagne bis in die Schweiz führen soll. Die französische Urlaubszeit ist vorbei und das Land hat sich schlagartig verändert.

Die erste Familie, die wir nun kennenlernen, lebt in Vannes und sie bewirtet uns nach allen Regeln der französischen Kochkunst: Zum Apéro gibt es Pistazien und Tomaten aus dem Garten, es folgen eine kleine Quiche und ein Gemüsegratin, danach ein Stück hausgemachte Apfeltarte und im Anschluss die Käseplatte. Jans „Käse mag ich nicht“, versteht auch hier niemand, denn Käse nach dem Essen ist in Frankreich keine Option, sondern ein Muss.

Unser Weg führt uns weiter nach Redon, wo wir bei Umweltschützern im Holzhaus wohnen. Dann erreichen wir Nantes, wo sich das Rentnerpaar Alain und Armelle rührend um uns kümmern: Wir bekommen eine eigene Etage im Haus, unsere Wäsche wird gewaschen und getrocknet, es gibt 5 (!) Gänge zum Abendessen morgens ein klassisches französisches Frühstück: Milchkaffee (café au lait) aus einer Schale (bol) und Baguette mit gesalzener Butter, au beurre salé, serviert auf einer für Frankreich so typischen Wachstuchtischdecke.

An der Loire entlang

Von Nantes aus nehmen wir nun den wohl bekanntesten französischen Radweg, Loire à Vélo. Gastgeber zu finden, ist hier kein Problem: ein junger Mann in Nevers, der die Wohnung seiner Oma renoviert, ein frisch geschiedener Fotograf in Tours, der unfassbar gut kochen kann (seine karamellisierte Birne in Butter ist ein Gedicht) und eine Familie, deren Fahrradkeller eine Tuffsteinhöhle ist – wobei die meisten Tuffsteinhöhlen im Loiretal eigentlich zu kleinen Ateliers oder Cafés ausgebaut wurden (die Touristen geradezu magisch anziehen).

Dem EuroVelo 6 folgend, kommt die Schweiz immer näher. Während im Val de Loire alle paar Kilometer ein Schloss (Domaine de Chaumont-sur-Loire, Chambord, Château Royal de Blois …) zur Besichtigung einlus und wir einfach dem Flusslauf folgen konnten, ändert sich die Landschaft nun.

© Marie Lucas

In der Bourgogne und Franche-Comté

In der Bourgogne geht es öfter bergauf (und anschließend immerhin auch wieder bergab); die Hänge sind entweder dicht bewaldet oder mit Weinstöcken bewachsen und auch Französisch hört sich hier anders an.

Wir genießen in den nächsten Tagen die Sonne am Doubs, und über Besanҫon erreichen wir Montbéliard. Wir haben das Zelt auf dem Rasen unseres letzten Gastgebers aufgeschlagen und verabschieden uns gedanklich von Frankreich. Ein letztes Mal lernen wir eine neue Käsesorte kennen, den flüssigen Cancoillotte, ein letztes Mal begeistert uns die Gastfreundschaft, die uns entgegengebracht wird.

„ROULEZ LENTEMENT LANGSAM ROLLEN SIE“ steht auf einem der letzten Schilder auf der französischen Seite der Grenze. Eine Aufforderung, der wir während der ganzen Fahrt gerne nachgekommen sind.

Die Kosten

© Marie Lucas

Reisefahrräder sind ab ca. 800 Euro in sinnvoller Qualität erhältlich, oft aber deutlich teurer (unsere beiden haben 1100 Euro pro Rad gekostet); hinzu kamen eine Fahrradversicherung und Schlösser für jeweils 200 Euro. Bezüglich der Fahrradtaschen sind die der Firma Ortlieb (Achtung Schleichwerbung:) erste Wahl – wegen ihrer Robustheit kann man sie auch secondhand erwerben. Bei der Campingausrüstung hängt der Preis von diversen Parametern ab. Je größer man ist, desto teurer das Equipment, je kälteempfindlicher desto teurer Matte und Schlafsack, je leichter die Utensilien, desto kostenintensiver usw.

Lässt man das gesamte Material außen vor, lebt es sich sehr günstig auf Radreisen: „Warm Showers“ ist umsonst; Couchsurfing 2,99 Euro im Monat; Übernachtungen in Vorgärten kosten nichts, erfordern aber Mut (zu fragen); in Frankreich ist der städtische Campingplatz Camping municipal stets am günstigsten.

Die Lebenshaltungskosten hängen stark von der Reiseregion und den dortigen Lebensmittelpreisen ab. Mein Reisebegleiter Jan und ich haben pro Reisemonat zusammen ca. 500 Euro dafür ausgegeben, also deutlich weniger, als wir mit einer festen Wohnung und normalen Lebensmitteleinkäufen an unserem Studienort Bonn gebraucht hätten.

Dialog Dialogue

2 Kommentare/Commentaires

  1. Hallo, ich liebe Frankreich und vor allem die Bretagne. Beim Recherchieren meiner diesjährigen Bretagne-Reise bin ich auf Deinen Beitrag gestoßen. Er hat mich sehr gut unterhalten und ich konnte das Essen fast schmecken. Leider bin ich schon zu alt, um so zu reisen. Warm Showers ist ja großartig! Danke für diesen schönen Bericht und alles Liebe aus dem Münsterland.

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