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Verkehrswende in Paris

Vélo, boulot, dodo

Von Stefanie Eisenreich

Auf dem Pont Alexandre III an einem autofreien Tag, © Shutterstock

15. Juli 2020

Seit dem Ende des strengen Lockdown in der Corona-Krise setzt Frankreich auf das Fahrrad als alternatives Verkehrsmittel. Doch Anne Hidalgo, frisch wiedergewählte Bürgermeisterin von Paris, will mehr.

Die Pariser rue de Rivoli ist eine der meistbefahrenen Hauptverkehrsadern der französischen Hauptstadt. Sie beginnt im Marais an der Metrostation St. Paul und führt bis zur Place de la Concorde, vorbei am Rathaus Hôtel de Ville, dem Louvre und den Tuilerien. Seit dem Ende der Ausgangssperre ist sie für den automobilen Individualverkehr gesperrt – nur Busse, Taxis oder Rettungswagen haben freie Fahrt.

Fahrradfahren boomt

Die Region antwortet damit auf die neuen Herausforderungen seit dem Ende des Lockdown und verstärkt seit Mai ihre Unterstützung für die Initiative RER V (Réseau Express Régional Vélo) mit einem Budget von 300 Millionen Euro. Ursprünglich sollte dieses Projekt von Vélo Île-de-France, einem Zusammenschluss von 33 Fahrradverbänden, das Fahrrad als alltägliches Fortbewegungsmittel im Großraum Paris attraktiver machen und damit Verkehrsbelastung und Luftverschmutzung bekämpfen. Nun aber ist es die Antwort auf überfüllte Metrowaggons, Busse und Straßenbahnen in Zeiten der Pandemie und betrifft nicht zuletzt den  Pendelverkehr von täglich neun Millionen Menschen zwischen Paris und der Banlieue.

Neun Strecken mit einer Länge von 680 Kilometern sollen die am stärksten frequentieren Verkehrsachsen entlasten, etwa die der Metro-Bahn-Linie 1 entlang der rue de Rivoli oder die der S-Bahn-Linien RER A, B, C und D. Die Rechnung scheint aufzugehen. Auf Twitter schreibt eine Nutzerin: „Seit einem Jahr nehme ich jetzt fast immer das Fahrrad. Damals war das die Ausnahme. Heute folge ich damit einem neuen Trend.“

Die rue de Rivoli war vor Corona eine der Hauptverkehrsadern von Paris. Nun ist sie temporär für den Individualverkehr gesperrt. © Shutterstock, Jerôme Labouyrie

Die Zahlen belegen: Fahrradfahren boomt! Bereits kurz nach Ende der Ausgangssperre wurden in der rue de Rivoli an einem Tag 9181 Fahrräder gezählt – ein Rekord! Davon konnte Yves Montand 1981 in seinem Chanson À bicylette nur träumen. Noch 2018 gaben nur vier Prozent der Pariser Bevölkerung an, regelmäßig mit dem Fahrrad unterwegs zu sein (1995: zwei Prozent). Für alle anderen handelt es sich um ein in der Metropole zu ungewohntes und vor allem als zu gefährlich empfundenes Verkehrsmittel.

In der „Stadt der fünfzehn Minuten“

Schon Ende Januar, lange vor dem Lockdown, aber bereits im Hinblick auf die anstehenden Kommunalwahlen, hatte die amtierende Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo (Parti socialiste), Pläne für die Umwandlung von Paris in eine Fahrrad-Hauptstadt bekanntgegeben. Seit dem Ende der Ausgangssperre am 11. Mai beschleunigt sie ihre Pläne und punktete damit am 28. Juni in der zweiten Runde der Kommunalwahlen.

Zentraler Bestandteil ihrer Kampagne ist das Konzept der „Stadt der fünfzehn Minuten“ (Ville du Quart d‘heure). Es sieht vor, Paris zu einer weitgehend autofreien Stadt zu machen. 60.000 innerstädtische Parkplätze will die Bürgermeisterin dafür entfernen lassen. An ihrer Stelle sollen Grünflächen, Spielplätze und weitere Fahrradwege angelegt werden. Von jedem Ort der Stadt aus soll innerhalb von fünfzehn Minuten alles mit dem Fahrrad erreichbar sein, was man im Alltag braucht.

Anne Hidalgo ist bekannt für ihre Vorhaben, Paris nachhaltig umgestalten zu wollen – was nicht unumstritten ist. So ließ sie Seine-Ufer für Autos sperren und trieb den Ausbau von Fahrradwegen voran, um Luft- und Lebensqualität in der Hauptstadt zu verbessern. Dazu gehört auch die Bepflanzung mit weiteren 170.000 neuen Bäumen (20.000 waren es in ihrer ersten Amtsperiode).

In der gesamten Region Île de France entstanden seit 2016 bereits mehr als 700 Kilometer Radwege. Kein Wunder, dass u. a. das regionale Fahrradverleihsystem Véligo boomt; es wurde von der Regionalverwaltung und der Île-de-France Mobilités initiiert. Seit 2019 wird zudem der Kauf von Elektrofahrrädern mit bis zu 600 Euro pro Rad subventioniert. Selbst wer nur sein altes Rad reparieren lassen will, kann mit einem staatlichen Zuschuss von 50 Euro rechnen.

Vélo + Révolution = Vélorution

Wer in Paris schon einmal mit dem Fahrrad unterwegs war, kennt das Problem: Die Stadt erstickt im Verkehr, Staus sind der Normalzustand, die öffentlichen Verkehrsmittel überfüllt. Zwar gibt es immer mehr Radwege, aber längst nicht überall, und wenn sie nicht durch Poller oder einen erhöhten Bordstein von der Straße abgegrenzt sind, werden sie schnell zu Parkplätzen oder Trassen für Motorroller. Nun regt sich verstärkt Widerstand.

Vélorution, 2014 in Bourges, © monchervelo.fr

Trotz anhaltender Demonstrationsverbote finden in Frankreich erneut sogenannte vélorutions statt – Revolution auf dem Fahrrad: Mit Critical Mass (kritische Masse) als Aktionsform treffen sich hier und weltweit möglichst viele Gleichgesinnte immer wieder scheinbar zufällig und unorganisiert, um mit einer gemeinsamen Fahrt durch Innenstädte auf das Rad als alternatives Verkehrsmittel aufmerksam zu machen und mehr Platz im öffentlichen Raum dafür zu fordern. Ziel ist erklärtermaßen nicht, den Verkehr zu behindern – immer wieder Vorwurf der Kritik.

Unabhängig voneinander finden vélorutions seit 2001 in über 30 französischen Städten statt, in Paris meist am ersten Samstag im Monat. Das traditionelle dreitägige Festival vélorution universelle im Juli indes dürfte dieses Jahr coronabedingt ausfallen. 2019 war Tours der Austragungsort.

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1 Kommentar/Commentaire

  1. Herzlichen Dank für diesen wirklich aufschlussreichen Artikel. Wie schön zu erfahren, dass sich auf diesem Gebiet in Paris nun wirklich etwas bewegt. Dann hat die Corona-Krise wenigstens einen konkreten, positiven Katalysator-Effekt gehabt.

    Auf Réunion können wir von den Maßnahmen in der Hauptstadt nur träumen: Hier verachtet und verhöhnt man Radfahrer geradezu. „Radwege“ sind oft nicht mehr als 30 cm breit und in keinster Weise durch Abgrenzungen, Signalpfosten oder gar Leitplanken gesichert. Direkt daneben klafft der Straßengraben, oft bis zu zwei Meter tief, der bei tropischen Wirbelstürmen dazu dient, die oft gewaltigen Wassermaßen abzuleiten, die diese manchmal apokalyptischen Sturmtiefs mit sich bringen können. Er verwandelt sich dann in einen reißenden Gießbach.
    Zudem ist er völlig ungesichert, nicht einmal durch einen simplen Rost.

    Eingekeilt zwischen solchen „Straßengräben“ und dem Auto-, Motorrad- und Lkw-Verkehr sollen die Radfahrer „Radwege“ benutzen, die im Mutterland Frankreich nicht mal als Pannenstreifen ausgewiesen würden.

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