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Journalistisches Praktikum

Beim Corse-Matin

Von Astrid Jurquet

Das Freiheitssymbol Korsikas „tête de maure“ (Mohrenkopf) auf einer Fahne vor den Îles sanguinaires (blutrünstige Inseln) im Golf von Ajaccio, © Astrid Jurquet

08. September 2022

Zwei Monate Praktikum in der Lokalredaktion der Tageszeitung Corse-Matin in Ajaccio: Zwei Monate zwischen Meer und Bergen, die Einblicke hinter die traumhaften Landschaften erlaubt und viel über die „Insel der Schönheit“ (Île de Beauté) und deren Bewohner verraten haben.

Auf Korsika bleibt man nicht lange anonym

Obwohl Ajaccio ungefähr 70.000 Einwohner hat und damit 20 % der Inselbevölkerung hier wohnt, gestaltet sich das Leben wie in einem Dorf. Jeder scheint jeden zu kennen. Das trifft umso mehr für meine Kolleginnen und Kollegen zu, die seit Jahren journalistisch in der Stadt tätig sind: Jede meiner Reportagen in Begleitung eines Fotografen hat gefühlt doppelt so lange gedauert wie nötig, weil er alle fünf Minuten mit irgendwelchen Bekannten auf der Straße ein Schwätzchen gehalten hat. Nicht unsympathisch, aber zeitraubend!

Zu meiner Verblüffung habe ich schon nach kurzer Zeit festgestellt, dass auch ich immer öfter auf bekannte Gesichter gestoßen bin: der Kinoinhaber, diese Frau, die bei einem Konzert getanzt hat, ein Vertreter des Rathauses … Für eine Journalistin ist es natürlich von Vorteil, möglichst viele Leute zu kennen – und dabei selbst bekannt zu werden: Anonym jedenfalls bleibt auf Korsika niemand lange.

Ajaccio, © Shutterstock

Das führt auch zu großer Zurückhaltung, wenn das Thema „Mafia“ angesprochen wird. Obwohl man auf Korsika grundsätzlich eher offen und laut redet, verlieren sich die Stimmen in einem Flüstern oder verstummen komplett, wenn von ihr die Rede ist. Denn die Omertà ist weiterhin mächtig und allgegenwärtig, und die Mafia wird auch heute noch für Morde verantwortlich gemacht: Am 10. August 2022 erst wurde ein 38-jähriger Unternehmer, Vater einer 12- und 9-jährigen Töchter, während des Joggens niedergestreckt. „Die Wände haben Ohren“, „les murs ont des oreilles“, und auf Korsika verbreiten sich Gerüchte besonders schnell. Besser spricht man das sensible Thema gar nicht erst an. Schweigen ist Gold!

Abenteuerlicher Verkehr

Im Gegensatz zu dieser Stille ist es in den Straßen Ajaccios ziemlich laut: Autos, Flugzeuge, Rettungshubschrauber und allgegenwärtige Mopeds verursachen ununterbrochen Lärm; hinzu kommen noch die vielen Baustellen. Und: Fahren ist in Ajaccio die Hölle. Ständig gibt es Staus; unvermittelt tauchen überall Zweiräder auf; die Suche nach einem Parkplatz kann länger als die Fahrt selbst dauern.

Eine typische Landstraßenszene im Rückspiegel, © Astrid Jurquet

Auch Fahrten außerhalb der Stadt sind gewöhnungsbedürftig: Hier wird jede Fahrt zur Achterbahn: Auf schmalen Straßen geht es bergauf und bergab; nicht immer passen zwei Fahrzeuge nebeneinander; in Haarnadelkurven befinden sich mal Wildschweine, mal Schafe auf der Fahrbahn; eilige Fahrer lässt man besser schnell vorbei. Ein GPS ist überall hilfreich, weil zahlreiche Schilder von Kugeln durchlöchert und daher unlesbar sind. Aus all diesen Gründen berechnet man hier Strecken nicht in Kilometern, sondern in (endlosen) Minuten. Auf Korsika wird man zum Profifahrer!

Ein Straßenschild auf Korsika, © Astrid Jurquet

Immerhin muss ich gestehen, dass die Mehrheit am Lenkrad sehr höflich ist: Die Vorfahrt wird einem im Gegensatz zu französischen Festlandsgepflogenheiten in der Regel nicht genommen, und auf Zebrastreifen hat man als Fußgänger das Gefühl, in Deutschland zu sein: Autos halten manchmal sogar an, wenn die Ampel für die Fußgänger rot ist.

Fehlende oder veraltete Infrastrukturen

Warum nehmen die Leute nicht einfach den Bus, wenn das Fahren so kompliziert und geradezu gefährlich ist? So einfach ist es leider nicht! Busse gibt es nur wenige, und viele Orte werden gar nicht erst angefahren – ganz zu schweigen von den Dörfern auf dem Land. Nach 20 Uhr fährt selbst in Ajaccio kein Bus mehr, ausgenommen auf den Linien, die zu den Stränden oder zum Flughafen führen. Vor allem aber werden die Ankunfts- und Abfahrzeiten nicht annähernd eingehalten. Angesichts der Missstände bleiben Fahrgäste sowie Fahrer erstaunlich höflich und ruhig, jedenfalls im Vergleich zu Paris. Das Fahrrad ist übrigens leider auch keine Alternative, weil angemessene und vor allem sichere Infrastrukturen wie Radwege fehlen.

Sonnenaufgang bei Calvi: Kosika bedeutet Berge und Meer. © Astrid Jurquet

Nach einem Jahr Auslandsstudium im zugegeben sehr „grünen“ Freiburg im Breisgau bin ich es gewöhnt, Pfandflaschen zurückzugeben und ansonsten grünes, weißes und braunes Glas zu trennen. Entsetzt habe ich auf Korsika feststellen müssen, dass Mülltrennung in den Kinderschuhen steckt. Zwar stehen überall in der Stadt Container, doch die Trennung wiederverwertbaren Mülls, für die man hier wenig sensibilisiert ist, bleibt der Eigeninitiative überlassen – die Müllabfuhr übernimmt sie nicht überall. Beim Corse-Matin zum Beispiel wird nicht einmal Papier gesondert entsorgt, und das bei der täglich in einer Zeitungsredaktion anfallenden Menge. Dabei legen Korsinnen und Korsen eigentlich großen Wert auf Umweltschutz, weil ihnen die natürlichen Ressourcen ihrer Insel wichtig sind.

Gleichzeitig freundlich und mürrisch

Passagieren von Kreuzfahrtschiffen begegnet man auf Korsika daher eher misstrauisch; grundsätzlich ist man bezüglich des Tourismus zwiegespalten: Einerseits lebt die Insel vom Tourismus (der 2021 39 % des korsischen Bruttosozialprodukts ausmachte), andererseits würde man lieber unter sich sein. Ein kleiner Tipp: Wenn Sie in Ajaccio zum Strand gehen und nachher in die Stadt, ziehen Sie sich wieder an! Touristinnen in Badeanzügen sind nicht gerne gesehen, und Standkleidung in der Stadt ist sogar verboten.

Bocognano : Das „wahre korsische Leben findet in den Bergdörfern statt. © Astrid Jurquet

Um den Touristenströmen im Sommer zu entgehen, ziehen sich viele Einheimische zurück in die bergigen Dörfer, wo sie oft noch Familie haben. Bergdörfer sind nach wie vor die Seele Korsikas – da, wo man noch korsisch spricht, wo die Zeit noch langsamer verläuft als in den Städten, wo die Unabhängigkeitsbestrebungen am stärksten sind. Das sieht man allein schon an den vielen Tags, mit denen die „Scheißfranzosen“ beschimpft werden oder die Yvan Colonna ehren, der 1998 den Präfekten Claude Erignac ermordet hat. Er selbst starb im März 2022 nach einem Angriff im Gefängnis, was zu erheblichen Unruhen auf der Insel führte.

Besonders in seinem Dorf Cargèse wird der Präfektenmörder Yvan Colonna verehrt. © Astrid Jurquet

Auf die korsische Art

Auch wenn ich ein eher raues Bild von den Korsen und ihrer Insel gezeichnet habe, muss ich sagen, dass ich fast immer und überall sehr freundlich aufgenommen wurde. Die eher konservativen Korsen wissen, wie man Gäste empfängt. Ihr teilweise harter aber herzlicher Umgangston ist wohl ihrem besonderen Humor geschuldet, der „macagna“ genannt wird – direkt und scharfzüngig; zur korsischen Art passt er bestens.

Linktipp:
Mit Napoléon auf Korsika

Zwischen Regatta und Naturkatastrophe

In der Lokalredaktion des Corse-Matin war ich sofort integriert, auch wenn mein Chef gleich zu Beginn meines Praktikums meinte: „Der gute Franzose ist derjenige, der wieder geht“.

Ein normaler Arbeitstag begann in der Regel relativ spät: Vor der Redaktionskonferenz um 9:30 Uhr, bei der die Zeitung des folgenden Tages mit allen Lokalredaktionen geplant wurde, war niemand im Haus.

Beim Start der Corsica Classic 2022, © Astrid Jurquet

Am vorletzten Tag meines Praktikums durfte ich an Bord des Schoners Grande Zot an der Regatta Corsica Classic 2022 teilnehmen und darüber berichten. Bereits am Vortag hatte ich den Veranstalter getroffen, um Informationen über die verschiedenen Schiffe und den Verlauf des Events zu sammeln. An Bord konnte ich mich dann auf die Manöver und die Wettfahrt konzentrieren.

Im Mittelpunkt meiner Reportage standen Frauen mit Brustkrebs oder in Remission, die an der Regatta teilgenommen haben – eine „zauberhafte Pause mitten in einem Hindernisparcours“, so eine von ihnen.

Nach sechs Stunden auf dem Schiff ging es für mich zurück in die Redaktion. Jetzt mussten Notizen und Bilder sortiert und der Beitrag, mit dem ich wegen des Veröffentlichungstermins am nächsten Tag bereits auf dem Schiff begonnen hatte, fertiggeschrieben werden – was bis weit in den Abend dauerte. Arbeitstage in einer Redaktion beginnen also spät, enden aber oft auch spät.

Der „Sommerloch“ ist übrigens auch auf Korsika kein Mythos: Selbst hier geschieht in der Ferienzeit relativ wenig, über das sich eine Berichterstattung lohnt. Am 18. August 2022 aber fegte plötzlich ein schwerer Sturm über die Insel (cf. TF1 info auf youtube), der mehrere Todesopfer und zahlreiche Verletzte forderte – Katastrophenstimmung, auch in der Redaktion!

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