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Aktuelle französische Filme

Titane, France, Police …

Von Pauline Sachs

Agathe Rousselle in Titane, © Carole Bethuel

12. Oktober 2021

Die französische Kinowelt blüht nach dem Ende der Corona-Lockdowns wieder auf – mit einer großen Vielfalt an beeindruckenden und berührenden Filmen: vom düsteren Krimi über eine bissige Satire und eine ungewöhnliche Zeitreise bis hin zu Titane, dem verstörenden diesjährigen Gewinnerfilm der Goldenen Palme in Cannes.

Titane

Alexia (Agathe Rousselle) hat seit einem Autounfall eine Platte aus Titan im Kopf. Mit menschlicher Nähe kann sie nichts anfangen, hingezogen fühlt sie sich stattdessen zu Autos. Gefesselt auf dem Rücksitz hat die junge Frau Sex mit einem Cadillac, der sich mit blitzenden Scheinwerfern und heulendem Motor aufbäumt, als wäre er ein Mensch – und sie schwängert.

Titane von Regisseurin Julia Ducournau ist 2021 der Gewinnerfilm des Filmfestivals von Cannes. Seine Brutalität und Hemmungslosigkeit sind kaum zu ertragen. Dennoch sieht man fasziniert hin, wenn die Protagonistin eine um die andere Grenze überschreitet: Kaltblütig tötet Alexia einen Verehrer und mordet von da an immer wieder Liebhaberinnen und Liebhaber – was der Film schonungslos und geradezu lustvoll zeigt.

Körper werden im Rhythmus von sphärischen Klängen und wummernden Bässen geformt, deformiert und transformiert, Gewaltexzesse und Tanz wechseln sich ab, Geschlechtergrenzen verschwimmen; der Film sprengt die „Mauern der Normativität“ (Julia Ducournau, die der Jury mit diesen Worten bei der Preisverleihung für ihren Mut dankte); er setzt ein Zeichen für Inklusivität, Fluidität und Diversität.

Der Reiz des Films liegt neben der Ästhetik in Alexias Unergründlichkeit: Sie handelt nach den Regeln einer Welt, die nur ihr gehört – eine Titanin, eine Halbgöttin, Mensch und Maschine – l’homme machine –, kaltblütig und einsam, blutrünstig und verletzlich.

Sehenswert. Trotz allem.

Petite Maman

Wie wäre es, die eigene Mutter als gleichaltriges Kind zu treffen – wie eine Schwester oder die beste Freundin? Für die achtjährige Nelly in Céline Sciammas Film Petite Maman, der erstmals auf der Berlinale 2021 gezeigt wurde, wird das möglich.

Nachdem die unter Depressionen leidende Mutter Marion (Nina Meurisse) Mann und Tochter verlassen hat, trifft Nelly beim Spielen im Wald in der Nähe ein Mädchen, das ihr selbst aufs Haar gleicht: ihre Mutter Marion als Kind.

Es ist eine Zeitreise ohne Zeitmaschine und Spezialeffekte: Sanft und auf unerklärliche Weise wechselt Nelly zwischen den Zeitebenen, die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Vorstellung verschwimmen. Die beiden Mädchen (Joséphine und Gabrielle Sanz) bauen eine Hütte im Wald, fahren Boot und backen gemeinsam Pfannkuchen. Nelly nimmt die Rolle einer Schwester ein, die sich Marion schon lange wünscht. Die Hierarchie, die normalerweise zwischen Eltern und Kindern besteht, verschwindet. Und während die beiden Mädchen miteinander spielen, kichern und flüstern, erzählt die Regisseurin des von der Kritik hochgelobten Films Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019) vom Erwachsenwerden, Abschiednehmen und dem Aufwachsen mit einer depressiven Mutter.

„Du hast meine Trauer nicht erfunden“, tröstet Marion Nelly, die die Schuld für die Traurigkeit der Mutter bei sich selbst sucht. Der Film ist fantastisch und zugleich alltäglich, tröstlich und wehmütig. Und die traumhaften Bilder des bunten Waldes (Kamera: Claire Mathon), in dem die Mädchen ihre Hütte haben, machen Lust auf den Herbst.

France

France von Bruno Dumont ist das Portrait der narzisstischen und sensationslüsternen Starjournalistin France de Meurs (Léa Seydoux) und zugleich eine bissige Satire auf das französische Mediensystem, dem der Film einen wenig schmeichelhaften Spiegel vorhält: Fakten und Fiktion verschwimmen bei der wilden Jagd nach der spektakulärsten Neuigkeit, den höchsten Zuschauerzahlen und den meisten Likes in den sozialen Netzwerken.

France, Moderatorin der Nachrichtensendung „info i“ und prominente Kriegsreporterin, ist die Königin dieser oberflächlichen und grellbunten Welt, in der es viel Schein und wenig Sein gibt: Sie inszeniert sich konstant selbst, ob vor Selbstbewusstsein und Sex-Appeal übersprudelnd bei der Pressekonferenz mit dem Staatspräsidenten im goldglänzenden Saal des Elysée-Palasts oder mit kugelsicherer Weste und knallrotem Lippenstift mitten im Krisengebiet.

Und sie inszeniert auch ihre Reportagen: Für die spektakulärsten Bilder schreckt sie nicht davor zurück, dem Dschihadisten mit Maschinengewehr „Und action!“ zuzurufen. Im Hintergrund dabei: ihre Assistentin Lou, gespielt von der Komikerin Blanche Gardin. Das Smartphone stets zur Hand und die sozialen Medien im Blick, hat Lou immer einen zynischen Kommentar parat, der die Dinge auf den Punkt bringt. Mit den Worten „Le pire, c’est le mieux“ („Das Schlimmste ist das Beste“) fasst sie die Funktionsweise der sozialen Netzwerke zusammen.

Genauso wie die Welt, von der er erzählt, ist der Film und seine Protagonisten schrill und überzeichnet und France die Karikatur einer Journalistin, die für ihre Karriere über Leichen geht. Bis ein unvorhergesehenes Ereignis die Journalistin auf dem Zenit ihres Erfolgs aus der Bahn wirft und sie schmerzhaft in die Realität zurückholt. Nach und nach beginnt sie das System zu hinterfragen, das sie weniger beherrscht, als dass sie ihn ihm gefangen ist.

Police

Drei Polizisten und ein Gefangener fahren in einem Auto durch die Nacht; der Film (deutscher Titel: Bis an die Grenze; bereits 2020 auf der Berlinale gezeigt) ist düster, die Stimmung bedrückend. Virginie (Virginie Efira), Aristide (Omar Sy) und Erik (Grégroy Gadebois) sind Polizisten im rauen 20. Arrondissement von Paris, täglich sind sie mit Gewalt konfrontiert. Noch dazu droht ihnen ihr Privatleben zu entgleiten; dem Bild des starken Polizisten jedenfalls werden sie nicht gerecht.

Und so haben sie alle ihre Gründe, warum es sie am Ende ihres Arbeitstags nicht nach Hause zieht; der Film zeigt sie aus ihrer jeweiligen Perspektive: Virginie ist ungewollt schwanger und will das Kind abtreiben. Erik steht kurz vor der Scheidung und hat ein Alkoholproblem. Und Aristide leidet unter Angstattacken.

Also übernehmen sie einen Sonderauftrag, der ihren Arbeitstag verlängert. Er besteht darin, den Asylbewerber Tohirov (Payman Maadi) zwecks Abschiebung zum Flughafen zu bringen. Auf der Fahrt durch die Nacht aber ergibt sich ein moralisches Dilemma: Im Asylbewerberheim bekommen sie den Hinweis, dass Tohirov politisch verfolgt wird – und seine Abschiebung somit illegal ist. Tohirov wurde in seinem Heimatland Tadschikistan gefoltert; ihm droht nach der Abschiebung der Tod.

Der Plot greift ein in Frankreich sensibles Thema auf. Im Rahmen der öffentlichen Debatte um Polizeigewalt und der Proteste nach dem Tod von George Floyd hat der Film für Diskussionen gesorgt – nicht zuletzt, nachdem Omar Sy öffentlich Kritik an der französischen Polizei geäußert hatte.

Französische Filmtage Tübingen

Bei den 38. Französischen Filmtagen Tübingen geht es 2021 um Identitätskulturen. Das größte Festival des frankophonen Films im deutschsprachigen Raum zeigt dazu vom 3. bis zum 10. November aktuelle Filme aus der gesamten Frankophonie; vom 11. bis 18. November wird zusätzlich eine Filmauswahl gegen Gebühr als Online-Version des Festivals freigeschaltet; wie in jedem Jahr ist auch das junge Publikum Teil des Programms: Schulkino, von Jugendjurys verliehene Filmpreise, ein Schülerkurzfilmwettbewerb.

Anders als in den vergangenen Jahren verzichten die Veranstalter in diesem Jahr auf einen Themenschwerpunkt: „Wir halten unser Publikum für so schlau, dass es sich seine Filme selbst aussuchen kann und wir nicht sagen müssen: Das ist ein Frauenfilm oder ein Ökofilm oder ein LGBTQQ+*-Film. Vielleicht landet dann der eine oder die andere in einem Film, den man sonst nie ausgewählt hätte – dazu ist Kino schließlich da“, so Festivalleiter Christopher Buchholz.

Länder, die in diesem Jahr im Vordergrund der Tübinger Filmtage stehen, sind Quebec und das frankophone Afrika. An die Filmvorführungen schließt sich wie immer eine Diskussionsreihe an, in der es 2021 um die Themen Meinungsfreiheit, Toleranz, Fanatismus, aber auch um Quebecer Autochthone und Nachhaltigkeit gehen soll.

Im Internationalen Wettbewerb wird unter neun Debütfilmen der Filmtage-Tübingen-Preis in Höhe von 5000 Euro verliehen; im Französischen Wettbewerb der Verleihförderpreis in Höhe von 21.000 Euro, gestiftet von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, Unifrance und dem Deutsch-Französischen Jugendwerk.

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