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Guy de Maupassant

Vielschreiber und Frauenheld

Von Arne Ulbricht

Belami Maupassant, © Adobe Stock

18. Mai 2020

Wirklichkeit trifft auf Fiktion: Das exzessive Leben des großen Schriftstellers und Journalisten Guy de Maupassant (1850–1893) im Frankreich des Fin de Siècle als biografischer Roman.

Januar 1880: Fünf junge Männer lesen sich gegenseitig Texte vor: Guy de Maupassant, Joris-Karl Huysmans, Paul Alexis, Henry Céard und Léon Hennique. Sie stehen alle am Anfang ihrer Schriftstellerkarriere, treffen sich regelmäßig bei Émile Zola und haben am deutsch-französischen Krieg 1870/71 teilgenommen. Nun soll ein Sammelband unter dem Titel Les soirées de Médan – in Médan steht Zolas Landhaus – mit Kriegsnovellen erscheinen (der 1880 veröffentlicht wird).

Begeisterung für Fettklößchen

Maupassant stellt seine Novelle Boule de suif  (Fettklößchen) vor, in der es um eine Prostituierte geht, die während der Kriegswirren zur Heldin wird. Nachdem Maupassant sie vorgelesen hat, sagt niemand etwas. Bis sich plötzlich die Begeisterung Bahn bricht. Maupassant ist glücklich, aber er fragt sich: Was wird Flaubert zu dieser Novelle sagen? („Ein Meisterwerk!“) Und werde ich dank dieser Novelle endlich als Schriftsteller wahrgenommen werden? (Ja!)

Maupassant, geboren 1850 im Schloss Miromesnil, beginnt früh, sich für Literatur zu interessieren. Dass dies so ist, liegt an seiner Mutter Laure, die nach der Trennung von ihrem Mann Ende 1860 mit ihren beiden Söhnen Henri René Albert Guy und dem sechs Jahre jüngeren Hervé in Etretat lebt; sie liest viel vor, neben Werken von Shakespeare auch aus Flauberts Salammbô. Der zwölfjährige Guy ist fasziniert. Welche Rolle Flaubert in seinem Leben spielen wird, ahnt er noch nicht.

Mit 13 kommt Maupassant aufs katholische Internat nach Yvetot. Die strengen Regeln sind ihm von Beginn an ein Graus. Um die Ödnis zu ertragen und gegen die Langeweile anzukämpfen, beginnt Maupassant, Gedichte zu schreiben. Mit Klassenkameraden und Schulfreunden gründet er die „Bande“ Oasis, die ein Manifest gegen die Langeweile verfasst. Als er in einem seiner Gedichte die Priester beleidigt, muss er das Internat kurz vor den Abschlussprüfungen verlassen. Er legt sie am Lycée Impérial (heute Lycée Corneille) in Rouen ab.

Belami an der Seine

Das Jurastudium in Paris muss er unterbrechen: Maupassant meldet sich beim Ausbruch des deutsch-französischen Krieges freiwillig für den Militärdienst, da er ohnehin eingezogen würde, und wird in Rouen stationiert – doch Rouen wird geräumt und soll den Preußen kampflos übergeben werden. In bitterer Kälte marschiert er mit rund zwanzigtausend weiteren Soldaten achtzig Kilometer bis nach Honfleur und setzt von dort ins uneinnehmbare Le Havre über, wo er bis zum Ende des Krieges bleibt.

Frauenheld Maupassant: Das Cover der französischen Ausgabe

Sein Vater kauft ihn nach dem Krieg vom Militärdienst frei, der ihn anderenfalls fünf weitere Jahre seines Lebens gekostet hätte. Aber das Geld für ein Jura-Studium muss Maupassant nun selbst verdienen – was letztendlich zum Abbruch des Studiums und durch Vermittlung seines Vaters zu einer Anstellung im Marine-Ministerium führt. Die Büroarbeit empfindet er von Beginn an als zermürbend, seine Vorgesetzten verachtet er. Kleine Angestellte und deren Vorgesetzte werden später häufig Thema in seinen Novellen sein.

Zum Ausgleich verbringt er mit einer Handvoll Freunden die Wochenenden zunehmend an und – im Ruderboot – auf der Seine. Maupassant und seine Ruderfreunde (wieder eine „Bande“) nennen sich l’Union und haben vor allem ein Ziel: An den Ufern und in den Gasthäusern Frauen zu erobern. In Briefen an seine Ruderfreunde beschreibt er detailliert seine zahlreichen erotischen Abenteuer; er schreibt jedoch nicht nur Briefe, sondern weiterhin Gedichte, Theaterstücke und 1875 seine erste Novelle La Main d’écorché (Die Totenhand), eine phantastische Erzählung, die er unter seinem Ruderer-Spitznamen Joseph Prunier  im Almanach lorrain de Pont-à-Mousson veröffentlichen kann.

Gemeinsam mit seinen Ruderfreunden verfasst er ein Theaterstück, das es in sich hat. Es geht um ein Paar, das sich versehentlich in einem Bordell eingemietet hat. Die Aufführung im Mai 1877 in einem Atelier wird zu einem Spektakel. Die Ruderfreunde übernehmen zum Teil mehrere Rollen, Maupassant selbst spielt in Frauenkleidern eine Prostituierte (!) und treibt es so wild auf der Bühne, dass die anwesenden Damen entsetzt den Saal verlassen. Nicht so Flaubert, der sich köstlich amüsiert. Im Gegensatz zu Edmond de Goncourt übrigens, der sich wortreich in seinem Tagebuch über „diese Schweinerei“ empört.

Wie sehr diese Zeit Maupassant prägt, zeigt sich gerade in seinen letzten Texten. So erzählt er in seiner autobiografischen Novelle Mouche aus dem Jahr 1890 äußerst heiter vom freizügigen Leben an der Seine.

Erotica

Vielschreiber Maupassant: Das Cover der deutschen Ausgabe

Zu diesem Zeitpunkt verkehrt Maupassant immer häufiger bei Flaubert in dessen Pariser Wohnung. Zu den Stammgästen gehören neben Maupassant Iwan Sergejewitsch Turgenew, de Goncourt und Zola. Es wird diskutiert, sowohl über Politik als auch über Literatur, aber immer wieder schweifen die Herren ab und landen beim Thema „Sex“. Maupassant verblüfft einerseits durch kenntnisreiche Anekdoten, andererseits durch zum Teil pornografische Gedichte mit Titeln wie 69 oder La femme à barbe. Trotz häufiger Migräneattacken – er hat wie viele Zeitgenossen die Syphilis – schreibt Maupassant wie ein Besessener, doch der Durchbruch will ihm nicht gelingen; zunehmend leidet er unter seinem Misserfolg. Lustlos und gelangweilt besucht er 1878 die Pariser Weltausstellung und anstatt sich für Exponate wie die neu erfundene Glühbirne zu interessieren, ärgert er sich darüber, dass wegen der Weltausstellung alle Prostituierten „ausgebucht“ sind. Flaubert, längst zu einem väterlichen Freund geworden, fordert ihn schließlich in einem furiosen Brief auf, alles der Kunst unterzuordnen.

Posthumer Erfolg

Im Mai 1880 stirbt Flaubert. Den sagenhaften Erfolg, den Maupassant in den kommenden zehn Jahren vor allem dank seiner 300 Novellen feiern wird, aber auch mit seinen sechs Romanen – darunter Une vie (Ein Leben), 1883, und Bel-Ami, 1885, – sowie 250 Artikeln, die meistens auf  den Titelseiten von Zeitungen erscheinen und die Zeit des Krieges von 1870/71 und des Fin de Siècle perfekt illustrieren, erlebt er nicht mehr.

  • Arne Ulbricht, Maupassant. KLAK, Berlin, 2017
  • Arne Ulbricht, Cette petite crapule de Maupassant. Les Éditions du Sonneur, Paris, 2019

Ein Roman über Maupassant

Maupassant begeistert mich schon lange! Begonnen hat meine Begeisterung 1990, als ich im Französischunterricht einige seiner Novellen las und von der Wucht seines Vagabond schier erschlagen war. Wie schaffte es dieser Maupassant bloß, auf derart wenigen Seiten so intensiv ein Vagabundenleben zu beschreiben?

Während meines Studiums las ich also neben Zola und Hugo vor allem Maupassant und entdeckte einen sehr vielseitigen Autor, dem es gelang, auf wenigen Seiten komplexe Handlungen zu beschreiben, die alle im ausgehenden 19. Jahrhundert spielen. Was aber war mir über Maupassants Leben bekannt? Eigentlich nur, dass er berühmt für seine Novellen war, Frauen liebte und am Ende einsam in einer Irrenanstalt starb.

Nach der Lektüre der monumentalen Biografie der Britin Marlo Johnston wusste ich schon nach wenigen Seiten, dass ich über diesen schillernden Autor einen Roman schreiben wollte, ja musste – so sehr faszinierte mich Maupassants Leben. Mit Sicherheit auch, weil ich ebenfalls am Meer aufgewachsen bin und ich seine Begeisterung für Sport und Natur teile. Und ich wusste auch: Ich wollte unbedingt über den vielleicht selbst in Frankreich unbekannten Maupassant schreiben, also von dem jungen Mann erzählen, der Gedichte und Theaterstücke schrieb und die Zeit mit seinen Freunden an der Seine verbrachte. Und ich wollte nicht schreiben, dass er Flaubert kannte, sondern wie er ihn kennenlernte und wie aus diesen beiden so unterschiedlichen Männern Freunde wurden. Deshalb entschied ich mich für den Zeitraum bis 1880.

Gewiss hätte ich auch eine Biografie schreiben können. Aber ich sehe mich als Erzähler. Daher habe ich – durchaus mögliche – Anekdoten und Szenen aus seinem Leben auf der Grundlage seiner Briefe und seiner autobiografischen Novellen geschrieben.

Als ein französischer Verlag sich für mein Buch interessierte, ging ein Traum von mir in Erfüllung. Dieser Roman, das war von Beginn an meine Überzeugung, musste einfach auch auf Französisch erscheinen! Der französische Titel meines Buches lautet übersetzt Maupassant, dieser kleine Schuft. So hat sich eine seiner „Bekannten“ über ihn geäußert. Das ist zärtlich gemeint ­­– aber aus der Sicht von Frauen war er tatsächlich ein Schuft!

Weitere Informationen über Arne Ulbricht

Arne Ulbricht, © Daniel Schmitt

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