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Frank Gehry

Der Turm von Arles

Von Martin Vogler

Luma Arles, Arts Resource Building, © Shutterstock

09. April 2021

Ein spektakulärer 56 Meter hoher Aluminium-Turm inmitten des Luma-Kulturzentrums in Arles soll nach Corona jährlich zwischen 300.000 und 500.000 zusätzliche Besucher in die südfranzösische 50.000-Einwohner-Stadt locken. Der Weltruf seines Architekten, Frank Gehry, gilt dabei als Erfolgsgarantie.

Der Tourismus in der alten Römerstadt wird sich damit verändern. Bislang war in der provenzalischen Altstadt vor allem das fast 2000 Jahre alte Amphitheater – in dem heute noch Stierkämpfe stattfinden – ein Besuchermagnet, wobei die mittelalterliche Benediktiner-Abteikirche Saint-Trophime und vor allem deren restaurierter Kreuzgang als kunsthistorisch bedeutsamer gilt. Nun aber sollen modernere, kulturelle Akzente hinzukommen: Der Kultur-Campus Luma, der in Teilen bereits seit 2018 erlebbar ist, begreift sich mit dem Gehry-Turm, der am 26 Juni eröffnet werden soll, als hipper Kunst-Spot – ein radikal anderes Kulturverständnis als etwa bei antiken Bauwerken, das auch für Diskussionen und Konflikte sorgt.

Die Kritik hat vor allem an der Schweizer Milliardärin Maja Hoffmann, eine Miterbin des Hoffmann-La-Roche-Pharmakonzerns, im Visier. Denn sie war es, die 2010 das elf Hektar große Luma-Ausstellungsgelände für zehn Millionen Euro erwarb. Die darauf stehenden Gebäude, zumeist ehemalige Werkstätten der französischen Staatsbahn SNCF, wurden und werden dank ihrer Luma-Stiftung schrittweise zu Ausstellungs- und Performancestätten umgebaut. Die Kosten des 56 Meter hohen Turms sollen bis zu 150 Millionen Euro betragen.

Die Bindung der 1956 geborenen Maja Hoffmann zu Arles besteht schon lange – schließlich hat sie nach eigenen Worten einen Teil ihrer Kindheit dort verbracht. Heute finanziert sie u. a. das renommierte Fotofestival Les Rencontres d’Arles mit, und sie sitzt dem Verwaltungsrat der Fondation Vincent van Gogh vor, die ihr Vater Lukas Hoffmann gründete. Mit ihrer 2004 in der Schweiz gegründeten Luma-Stiftung zog sie 2014 nach Arles.

Offiziell heißt der Turm ganz unfranzösisch „Arts Resource Building“, das neben Ausstellungsräumen auch ein Café und Restaurant beherbergen wird. Die ungewöhnliche Form des im Volksmund als „Eisberg“ bezeichneten Turms soll an die Kalkfelsen des nahen, kleinen Massivs der Alpilles erinnern.

Die „Königin von Arles“

Die Dominanz der „Königin von Arles“, wie die Investorin und Kunstmäzenin in französischen Medien oft genannt wird, hat offensichtlich Sprengkraft – manche stoßen sich sogar am Namen des Areals: Luma ist ein Kunstwort aus den Vornamen ihrer Kinder Lukas und Marina. Ein genauerer Blick auf die Aufgeregtheit ergibt allerdings ein anderes Bild: Es ist eher die nationale und internationale Kunstwelt, die ihre Stimme erhebt. Vor Ort hingegen war sogar der bis 2020 amtierende kommunistische Bürgermeister von Arles, Hervé Schiavetti, ein Fan des Projekts. Hofft er doch, dass der außergewöhnliche Turm Ähnliches wie den sogenannten Bilbao-Effekt auslöst.

Das Guggenheim-Museum in Bilbao, © Alisia Luther, Shutterstock

Denn Bilbao erlebte dank Gehry einen unglaublichen Popularitätsschub, nachdem das von ihm entworfene Guggenheim-Museum 1997 eröffnet wurde. Die baskische Stadt in Spanien drohte damals in der Bedeutungslosigkeit zu versinken – und steht heute dank des Hypes um das Museum mit seiner spezifischen Architektur als pulsierendes Wirtschaftszentrum mit künstlerischer Note da.

Bilbao, Paris, Düsseldorf …

Doch was macht die Meisterwerke von Frank Gehry so besonders und unverwechselbar? Das etwas sperrige Schlüsselwort heißt Dekonstruktivismus. Es bedeutet, dass praktisch alle Bauten des 1929 in Toronto geborenen Stararchitekten nicht unseren Sehgewohnheiten für zumeist rechteckige Gebäude mit geometrischen Formen entsprechen. Was der „Picasso der Architektur“ plant und baut, wirkt unrealistisch und extravagant. Es ist das Gegenteil der Bauhaus-Architektur. Architekturkritiker sprechen von „kippenden Räumen“. Unwillkürlich hinterfragt man die Stabilität solcher Bauten – und ist entsprechend fasziniert.

Das Gebäude der Louis-Vuitton-Stiftung im Bois de Boulogne, © Chaiwat Areeraksa, Shutterstock

Das bisher aufsehenerregendste Gehry-Bauwerk Frankreichs steht im Westen von Paris. Bei der 2014 im Bois de Boulogne eröffneten Fondation Louis Vuitton handelt es sich um ein privates Museum mit vorgelagerten Elementen aus Glas, Stahl und Holz, die Schiffssegeln ähneln. Dieser Effekt harmoniert mit einer Wasserfläche und dem Wasserfall am Gebäude. Sein offizieller Name: Le vaisseau de verre (Das Glasschiff). Denn hier bricht vor allem Glas das Sonnenlicht, während in Arles 11.000 Aluminiumkästen in der Fassade das Licht reflektieren.

Spiegelndes Licht spielt auch beim – neben dem Vitra Design Museum in Weil am Rhein – bekanntesten Gehry-Werk in Deutschland die entscheidende Rolle. Die 1999 fertiggestellten Gebäude im Neuen Zollhafen Düsseldorf, die wie die Museen in Bilbao und Paris am Wasser liegen, wurden so etwas wie ein Wahrzeichen Düsseldorfs. Was auch damit zu tun hat, dass die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen anders als ihr naher Rivale Köln weder römische Relikte noch einen imposanten Dom vorzuweisen hat.

Neuer Zollhof Nr. 2 in Düsseldorf, © Martina I. Meyer, Shutterstock

Dafür begeistern die Gehry-Bauten inmitten einer Mischung aus alter Industriehafen-Architektur und Moderne im sogenannten Medienhafen umso mehr. Allerdings ist Düsseldorf nicht nur dank Gehry ein Zentrum des Dekonstruktivismus: Auch der amerikanische Architekt Daniel Libeskind baute sein Kö-Bogen-Ensemble in diesem Stil. Weder Gehry noch Libeskind hatten in Düsseldorf museale Aufträge zu erfüllen – so schufen sie pulsierende Stätten urbanen Lebens.

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