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Energie

Versorgung in Gefahr

Adrien Pagano

Mit dem Smart-Grid verbundene Hochleistungs-Strommasten, © Shutterstock

21. September 2022

Mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine hat Russland ein geopolitisches Instrument für sich entdeckt: Energie. Davon betroffen sind u. a. Deutschland und Frankreich.

Das von russischen Truppen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja, das größte Europas, wird dabei als Waffe benutzt und soll dem Westen eine Mahnung sein – Tschernobyl ist noch gut im Gedächtnis.

Die ausbleibenden Gaslieferungen nach Europa sind eine weniger direkte aber genauso zynische Bedrohung. Die Drosselung der Zufuhr über die Pipeline Nord-Stream 1, die Ende August 2022 in einen Lieferstopp mündete, treibt die Energiepreise unter dem Vorwand angeblich wartungsbedürftiger Turbinen künstlich nach oben. Um Energiemangel und Preisexplosionen zu begrenzen, müssen die europäischen Staaten schnell handeln.

Deutschlands setzte auf einen Hauptlieferanten

Erdgas spielt im deutschen Energiemix eine besonders große Rolle. Zum einen, weil Gasheizungen häufig zum Einsatz kommen. Zum anderen, weil es der wichtigste Energieträger im hochentwickelten Industriesektor ist. Darüber hinaus wurde in den letzten zwei Dekaden stark auf Erdgas als Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität gesetzt. Das Angebot sollte anhand von neuen Pipelines wie Nord Stream 1 und 2 erhöht werden; effiziente Gasheizungen und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen wurden massiv vom Staat gefördert. Schließlich sind Gaskraftwerke im Gengensatz zu Kohle- oder Atomkraftwerken besonders flexibel einsetzbar und bieten damit den Vorteil, die Einspeiseschwankungen der erneuerbaren Energien ausgleichen zu können. Für das Land der Energiewende eine überaus günstige Eigenschaft.  

Doch Deutschland muss 95 % seines Erdgasbedarfs importieren, 2020 kamen davon noch 55 % aus Russland. Diese Abhängigkeit rächt sich nun: Schneller Ersatz ist u. a. mangels notwendiger Infrastruktur nicht in Sicht; jede Megawattstunde, die der russische Staatskonzern Gazprom weniger liefert, muss zu horrenden Preisen auf dem internationalen Gasmarkt eingekauft werden. Um eine Pleitewelle von deutschen Gasimporteuren wie Uniper oder Securing Energy For Europe (SEFE, ehemals Gazprom Germania) und die daraus folgende Unterbrechung der Gasversorgung zu verhindern, musste der deutsche Staat sie mit Milliarden unterstützen.

Frankreich setzt auf eine Haupttechnologie

Im Gegensatz zu Deutschland wird in Frankreich hauptsächlich mit Strom geheizt; seine Atomkraftwerke (AKW) werden im Winter stark beansprucht. Da der alternde französische Kraftwerkspark kontinuierlich gewartet und nachgerüstet werden muss, sind Revisionen im Sommer eng getaktet – sonst wäre die maximale Verfügbarkeit im Winter gefährdet. Das lässt wenig Raum für ungeplante Ausfälle. Im Sommer 2022 jedoch mussten mehrere französische Atomkraftwerke hitzebedingt ihre Leistung drosseln: Die Flüsse, aus denen sie Kühlwasser entnehmen, sollten nicht übermäßig belastet werden. Darüber hinaus wurden elf französische Atomkraftwerke aufgrund teils festgestellter, teils vermuteter Korrosionsschäden an ihren Notkühlsystem heruntergefahren. 2022 waren so bis zu 32 von 56 Reaktoren nicht am Netz. Die Strompreise schossen in die Höhe.

Im 3000-Einwohner-Ort Cruas, Departement Ardèche, produziert eins der 56 französischen Kernkraftwerke Strom. © Unsplash, Jametlene Resko

Im Ergebnis ist Frankreich in die Abhängigkeit der eigenen Technologie geraten. Generische Fehler wie Korrosionsschäden können eine ganze AKW-Baureihe betreffen und sehr kurzfristig die Stromversorgungssicherheit des Landes gefährden. Zudem ist die russische Nuklearfirma Rosatom eng in die europäischen Atomlieferketten eingebunden: 2020 lieferte Rosatom 26 % des in Europa genutzten angereicherten Urans. Die Zusammenarbeit Rosatoms mit der französischen Energiefirma Framatome gilt als besonders eng, und die Importe lassen sich nicht kurzfristig ersetzen.

Deutsche Sparmaßnahmen …

In Deutschland haben sich die Gaspreise seit Kriegsbeginn in der Ukraine verdoppelt bis verdreifacht. Um diese Situation langfristig zu entspannen, setzt die Bundesregierung auf eine neue Gasbeschaffungsstrategie. Ab Dezember 2022 sollen bis zur Fertigstellung von Importterminals an Land nach und nach vier schwimmende Flüssigerdgas-Importterminals ans Netz gehen und so die Gasversorgung des Landes sichern. Damit könnte bereits im Winter 2023 auch ohne russische Importe genügend Erdgas für den deutschen Markt zur Verfügung stehen.

In der angespannten Lage im Winter 2022/2023 aber wird Gas Mangelware sein. Eine Reihe kurzfristiger Maßnahmen, die von der Einsparung von Warmwasser und Heizungsreduzierungen in öffentlichen Gebäuden bis hin zur Abschaltung von Lichtreklamen reichen, soll für Energiesparsamkeit sorgen. Ungewöhnliche Vorschläge von Politikern sorgten für Ratlosigkeit. So empfahl der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen Waschlappen zu benutzen, statt zu duschen.  

… und Entlastungspakete 

Weil die gestiegenen Gaspreise die deutschen Verbraucher in diesem Winter finanziell dennoch hart treffen werden, hat die Bundesregierung drei Entlastungspakete mit einem Gesamtwert von 95 Milliarden Euro beschlossen. Manche Maßnahmen dienen der allgemeinen Abfederung von gestiegenen Kosten, wie z. B. eine Energiepauschale von 300 Euro für Einkommensteuerpflichtige oder die befristete Absenkung der Mehrwertsteuer auf Gas. Andere sind gezielte Sozialleistungen, z. B. Einmalzahlungen für Studierende und Rentner.

Grundlegend sind vor allem die Maßnahmen, die den vergleichsweise umweltfreundlichen Energieträger Strom dauerhaft begünstigen. Dazu gehört die Abschaffung der EEG-Umlage (auf den Strompreis; cf. Erneuerbare-Energien-Gesetz) sowie eine angekündigte Strompreisbremse, die mit „übermäßigen“ Gewinnen mancher Stromversorger finanziert werden soll. Auch die dauerhafte Subvention des ÖPNV ist seit dem 9-Euro–Ticket im Sommer 2022 im Gespräch.

Preisdeckel in Frankreich

In Frankreich sind die Strompreise innerhalb weniger Monate von etwa 80 Euro pro Megawattstunde auf bis zu 800 Euro sprunghaft angestiegen. Zur Entlastung der Verbraucher hat die französische Regierung mittels Ordnungsrecht die Gegenmaßnahmen breit gestreut. Bereits im Oktober 2021 wurde der Gaspreis gedeckelt. Auch die Strompreise des nationalen Stromversorgers Électricité de France (EDF) wurden im Februar 2022 anhand des sogenannten Preisschutzes bouclier tarifaire gedeckelt. Damit hat die französische Regierung eine Erhöhung des Strompreises um über 35 % verhindert. Beide Maßnahmen sind befristet, sollen aber 2023 fortgesetzt werden und haben den französischen Staat bereits 24 Milliarden Euro gekostet. Die Verstaatlichung von EDF für geschätzte 10 Milliarden Euro kann als indirekte Folgekosten gesehen werden.

Parallel dazu wurde in Frankreich bereits im April 2022 ein variabler Tankrabatt von bis zu 30 Cent pro Liter Benzin und Diesel eingeführt. Er ist Teil eines 20 Milliarden Euro schweren Entlastungspaketes, das u. a. eine Erhöhung der Renten, der Familienbeihilfen sowie der Sozialleistungen vorsieht. Darüber hinaus hat Staatspräsident Emmanuel Macron auch für Frankreich einen Energiesparplan angekündigt.

Gedeckelte Preise und Tankrabatt haben den Vorteil, schnell und unbürokratisch Abhilfe zu schaffen. Sie ziehen aber weder Sparanreize noch Verhaltensänderungen nach sich und wirken somit nicht nachhaltig.

Deutsch-französische Solidarität

Emmanuel Macron hat Anfang September zur europäischen Solidarität aufgerufen und Gaslieferungen nach Deutschland angekündigt. Im Gegenzug profitiert Frankreich in seiner angespannten Stromversorgungslage von deutschem Strom: Deutschland exportierte im zweiten Quartal 2022 knapp sechs Mal so viel Strom nach Frankreich wie im zweiten Quartal 2021.

Beide Länder werden im kommenden Winter schmerzhafte Einschnitte in ihrer Energiepolitik vornehmen müssen. Frankreich zieht die Wiederinbetriebnahme eines stillgelegten Braunkohlekraftwerkes in Saint-Avold in Betracht und verschiebt die eigentlich dringliche Prüfung seines AKW-Parks auf Korrosionsschäden um ein Jahr (auf 2025). Deutschland hat unterdessen Kohlekraftwerke in Netzreserve aktiviert, um Gaskraftwerke zu ersetzen. Vor allem aber hat Deutschland den geplanten vollständigen Atomausstieg zum Ende des Jahres 2023 um dreieinhalb Monate ausgesetzt. Zwei der drei noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke, Isar 2 und Neckarwestheim 2, sollen in eine Einsatzreserve überführt werden, d. h. sie sind für den Notfall betriebsbereit, produzieren aber keinen Strom.

Die Energieversorgung bleibt sowohl in Deutschland als auch in Frankreich prekär. In Deutschland könnten bestimmte Industrien nach einem Notfallplan vorrangig mit Gas versorgt werden; in Frankreich könnte Strom für die Bevölkerung rationiert werden.

Update im Oktober 2022:
Energie-Sparmaßnahmen in Frankreich
, zusammengefasst in Hilke Maunders Blog Mein Frankreich

Dialog Dialogue

3 Kommentare/Commentaires

  1. Energie ist eines der großen Themen, die uns zurzeit beschäftigen. In Frankreich hat man eine gute Idee entwickelt, um den Stromverbrauch so zu beeinflussen, dass es im Winter nicht zu Stromabschaltungen kommen muss. France Télévision wird mit den Ampelfarben anzeigen, wenn zu bestimmten Tageszeiten zu viel Energie verbraucht wird und damit Störungen in der Stromversorgung drohen. Verbunden ist dieses System mit entsprechenden Handlungsempfehlungen. Wenn die Ampel rot zeigt, sollten energieintensive Geräte wie z. B. Waschmaschinen so lange nicht betrieben werden, bis die Ampel wieder auf grün springt.

    Franzosen kennen diese Ampelwarnungen bereits aus anderen Zusammenhängen. Mit grün, orange, rot und schlimmstenfalls auch noch schwarz werden unsere Nachbarn schnell und anschaulich darüber informiert, wenn Unwetter, Überschwemmungen, große Hitze drohen oder wenn sich auf den Autobahnen bei der Fahrt in den Urlaub schon kilometerlange Schlangen gebildet haben. Diese Routen sollte man dann besser meiden. Recommandé à l’imitation !

  2. Mitten in der Energiekrise hat Emmanuel Macron am 22. September 2022 im Atlantik vor Saint-Nazaire den ersten französischen Offshore-Windpark mit 80 Anlagen und einer Leistung von 480 Megawatt eingeweiht – der Beginn einer Beschleunigung des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien im Land: Bis 2050 sollen rund 50 Windparks 40 Gigawatt Strom erzeugen und die Solarenergie verzehnfacht werden. Gleichzeitig wird die Gewinnung von Onshore-Energie verlangsamt: Ihre Verdoppelung erfolgt nunmehr nicht in den nächsten zehn, sondern 30 Jahren. 2021 wurden 24 % des französischen Stroms mit erneuerbaren Energien (Wasserkraft, Wind-, Solarenergie und Biomasse) erzeugt (in Deutschland 41,1 %).

  3. Das Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz e. V. erhält aktuell vermehrt Anfragen von deutschen Verbrauchern, ob sie Strom und Gas aus Frankreich beziehen können:

    Mehr dazu hier.

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