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Stations thermales

Tour de Kur

Von Martin Vogler

Trinkbrunnen in Vichy, © John Cameron, Unsplash

19. September 2021

Viele deutsche Kurorte wirken, als habe man eine Zeitreise in das vergangene Jahrhundert gemacht – ein Erlebnis, das sich in Frankreich auf faszinierende Weise steigern lässt. Wer morbiden, aber sympathischen Charme erleben will, dem sei der Besuch möglichst vieler stations thermales ans Herz gelegt.

Wobei französische Badeorte nicht generell aus der Zeit gefallen sind. Und Vichy darf sich – so wie in Deutschland Baden-Baden, Bad Kissingen und Bad Ems – seit 2021 sogar mit dem Titel Unesco-Welterbe schmücken. Das im Südwesten gelegene Dax verfügt zusammen mit dem benachbarten St.-Paul-les-Dax über stattliche 17 Thermalbad-Einrichtungen und lockt jährlich rund 60.000 Kurgäste in die beiden Gemeinden. Das entspricht mehr als zehn Prozent der französischen curistes. Dax gilt deshalb neben dem moderneren Balaruc-les-Bains (bei Sète) noch vor dem provenzalischen Gréoux-les-Bains als bedeutendster Kurort des Landes. In solchen Gemeinden pulsiert nach wie vor das Leben – eine zugegeben relative Aussage.

Gréoux-les-Bains, © Adobe Stock

Gréoux-les-Bains und Amélie-les-Bains-Palalda

Beispiel Gréoux-les-Bains: Das auf fast 500 Meter Höhe gelegene Städtchen zählt weniger als 3000 Einwohner. Nett ist es hier, aber alles andere als glamourös. Der wegen seiner gleichnamigen Schluchten berühmte Fluss Verdon fließt hindurch; über der Altstadt erhebt sich eine Tempelritterburg, in der an Sommerabenden unter freiem Himmel Filme gezeigt werden; ein bedeutender Hersteller der Santon-Figuren hat sein Atelier in Gréoux. Und das war es dann schon fast, was der eigentlich bedeutende Kurort – abgesehen von den magnesiumhaltigen Thermalquellen und dem obligatorischen Casino im etwas außerhalb liegenden Kurgebiet – zu bieten hat. Dennoch entscheiden sich pro Jahr 35.000 Kurgäste für Gréoux-les-Bains.

Schwerer fällt die Begeisterung in Amélie-les-Bains-Palalda, das mit seinen rund 27.000 Gästen zu den Top 5 im Land gehört. Hier, in einem Tal am Ostrand der Pyrenäen, gibt es zwei Thermen, die angeblich gegen Rheuma und Atemwegserkrankungen helfen. Schon die Römer sollen hier 633 eine Therme errichtet haben. Doch trotz aller Bemühungen der Gemeinde und der Verantwortlichen für den Kurbetrieb stellt sich beim Besucher nur bedingt Wohlbefinden ein. Der Charme der alten Gebäude mag sich nicht so recht erschließen und den erstaunlich zahlreichen Neubauten fehlt Atmosphäre. Doch Amélie-les-Bains-Palalda kämpft engagiert um seine Zukunft, und der Plan kann dank einer Mischung aus Kurbetrieb, Aktivurlaub mit Bergwanderungen und der Nähe zu den Stränden des Mittelmeeres durchaus aufgehen.

Amélie-les-Bains-Palalda, © Adobe Stock

In kleineren der 89 aktiven und von der Sozialversicherung anerkannten Kurorte Frankreichs – es gibt allerdings viele, die den Betrieb eingestellt haben – ist der Eindruck oft noch krasser. Hier kann man noch Hotels finden, die statt mit Sternen mit der verräterisch beschrifteten Tafel „Chambre avec grand comfort“ locken – was verdächtig nach Waschbecken im Zimmer sowie Gemeinschaftstoilette und Gemeinschaftsbadezimmer auf dem Flur klingt. Und: Die alten Kuranlagen sind nicht überall gut in Schuss. Wobei vieles gnadenlos Bröckelndes einen besonderen Reiz hat und eine bedeutende Vergangenheit erahnen lässt.

In den Vogesen: Vittel, Contrexéville, Plombières-les-Bains, Bains-les-Bains

Die meisten Kurorte Frankreichs liegen im Süden. Doch auch die Vogesen warten mit großen Namen auf. Vittel und das Nachbarstädtchen Contrexéville sind dank ihrer Mineralquellen, deren Wasser es in großen Plastikflaschen abgefüllt in jedem Supermarkt zu kaufen gibt, weltweit bekannt – fast so wie das belgische Spa, das zur Bezeichnung für Gesundheits- und Wellness-Einrichtungen schlechthin wurde.

Zwar haben auch diese beiden Kurorte jeweils kaum mehr als 3000 Einwohner, doch es gibt Kur- und Quellenhäuser, Casino, Parks und Hotels – und in Vittel gleich zwei Mal einen Club Med. Sowohl in Vittel als auch in Contrexéville weht ein Hauch von Belle Époque, aber auch Golfparcours und Spa-Anlagen locken Gäste an. Allerdings: Der klassische Kurbetrieb in Vittel zählt knapp 5000 Gäste im Jahr, Contrexéville nur ein Zehntel davon – auch wenn Contrexéville wie viele andere Orte mit reinen Wellness-Angeboten inklusive Spa-Anwendungen punktet.

Wandelhalle in Vichy, © Adobe Stock

In Contrexéville sollte man sich Zeit für das Cosmos-Hotel nehmen: Es steht sehr exemplarisch für die schwierige Entwicklung französischer Kurorte. Das Drei-Sterne-Haus atmet den Geist eines Grandhotels, dessen Glanz etwas verblasst ist. Allein das imposante Treppenhaus hinterlässt einen unvergesslichen Eindruck. Und selbst wenn das Restaurant kulinarischen Ansprüchen nicht gerecht werden sollte, lohnt der Besuch wegen des Ambientes eines Traditionshauses allemal – nicht zuletzt auch wegen des beheizten, sehr großzügigen Außenpools.

Landschaftlich imposanter und ein Belle-Époque-Traum ist das südlich von Epinal in den Vogesen gelegene Plombières-les-Bains mit seinen 27 Quellen. Bei einem kurzen Spaziergang über die rue Stanislas und die rue Liétard riecht man nicht nur die extrem heißen Quellen, sondern spürt, etwa bei den Thermes Napoléon, viel verblassende Pracht.

Den kleinen Park hat einst Baron Haussmann angelegt. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Versuche, das Kurangebot zu modernisieren und mit „Events“ Leben ins enge Tal zu bringen. Trotzdem schrumpft seit Jahrzehnten die Einwohnerzahl auf zuletzt weniger als 1600. Corona und vor allem eine Hagel-Katastrophe haben 2021 sogar dazu geführt, dass der Kurbetrieb vorübergehend ruhen musste. Da trösten auch nicht die Erinnerung an Napoleons Besuch oder, dass es einst eine direkte Schnellzugverbindung nach Paris gab. Immerhin finden jährlich noch fast 4000 Gäste den Weg nach Plombières-les-Bains, wobei sich diese Zahl – wie auch die für andere Orte – auf die Zeit vor Corona bezieht. Denn sowohl 2020 als auch 2021 war in allen Badeorten die Saison stark verkürzt.

Noch ruhiger als in Plombières geht es ein paar Kilometer weiter westlich zu: Das kleine Bains-les-Bains hat mit seinen knapp 1200 Einwohnern wenig mit seinem deutschen Fast-Namensvetter Baden-Baden gemeinsam. Selbst die französische Tourismuswerbung preist hier vor allem die Ruhe an. Bereits die Römer hatten übrigens ein Badehaus errichtet, das in modifizierter Form immer noch in der Ortsmitte steht.

Eaux-Bonnes, © Adobe Stock

Leerstand in Eaux-Bonnes

Noch bescheidener als in Bains-les-Bains, aber mit viel mehr bröckelndem Charme, geht es tausend Kilometer südwestlich in Eaux-Bonnes zu. Ein Besuch dort ist schon wegen der Kontraste unvergesslich. Auf weniger als 200 Einwohner kommen zumindest rechnerisch 15 (sehr) beeindruckende Hotelgebäude, von denen allerdings etliche leer stehen. Denn kuren kann man hier schon lange nicht mehr, woran ausgerechnet ein gut gemeinter Versuch, die Attraktivität der Station zu steigern, die Schuld trägt. 2016 sollte der „Espace Thermal“ mit einer Glaskugel gekrönt werden. Doch die Statik hielt nicht, das Gebäude kann nicht mehr genutzt werden. Auch die zuletzt weniger als 1000 Kurgäste pro Jahr bleiben jetzt aus.

Wer nach Eaux-Bonnes reist, sollte unbedingt vorher das 1927 (!) entstandene Pyrenäen-Buch von Kurt Tucholsky lesen: Es wirkt in dem kleinen Kurort nämlich unglaublich aktuell. Er spottet: „Eaux-Bonnes, in ehrlichem Deutsch ‚Gutwasser‘ geheißen, besteht eigentlich nur aus einem langen Platz, mit Bäumen drauf, von hochstöckigen Häusern eingeschlossen, dahinter sind die Berge, die passen auf, daß sich keiner erkältet.“

Schon damals scheint hier laut Tucholsky nicht viel los gewesen zu sein: „Eaux-Bonnes ist leer, die Saison ist im Absterben. Da stehen nur noch wenige Männer in der Halle des Thermales-Gebäudes und gurgeln mit Schwefelwasser. Burr, machen sie und gurr …“ In den Hotels, so fand der Schriftsteller, „schleicht die Langeweile durch die Gänge“, und generell würden die Pyrenäen-Badeorte „nach Vergangenheit schmecken“. Vor fast 100 Jahren!

Dabei war die Vergangenheit von Eaux-Bonnes überaus glorreich. Bereits im 16. Jahrhundert entstand hier ein Militärkrankenhaus, um verwundete Soldaten mit Quellwasser zu behandeln. Napoleon Bonaparte sorgte mit dem Bau einer Straße und Unterkünften für einen Aufschwung. Kaiserin Eugénie war Stammgast in Eaux-Bonnes.

Glanz und Gloria in Eugénie-les-Bains

Anderenorts hat die Kaiserin allerdings mehr dauerhaften Glanz hinterlassen. Das gilt besonders für das nach ihr benannte Eugénie-les-Bains, das 100 Kilomter nördlich unterhalb des Gebirges liegt. Das Dörfchen hat zwar weniger als 500 Einwohner, doch lockt es jährlich 10.000 Kurgäste und darüber hinaus Touristen an. Offiziell suchen die Kurgäste hier Linderung bei Rheuma, Arthrose, Cellulite sowie Harnwegs- und Darmerkrankungen.

Hinzu kommt in Eugénie-les-Bains ein kulinarischer Aspekt: Michel Guérard, der als einer der Erfinder der Nouvelle Cuisine gilt, kocht hier in einem beeindruckenden Anwesen auf Drei-Sterne-Niveau. Logisch, dass das restliche Angebot wie Übernachtungsmöglichkeiten, der sehr gepflegte Park und das 1966 errichtete Thermalbad dem Niveau des Restaurants entsprechen.

Doch das herausgeputzte Eugénie-les-Bains ist nicht typisch für die meist doch recht kleinen Badeorte in Frankreich. Viele haben Probleme, nicht nur Eaux-Bonnes mit seinem missglückten Modernisierungsversuch. Bourbon-Lancy (4500 Gäste pro Jahr) ist nach einem Brand geschlossen, in Brides-les-Bain (12.000) wird umgebaut und in Lons-le-Saunier (1800) führten bauliche Probleme zur Schließung. Schon vor Corona ging in Frankreich insgesamt die Zahl der Kurgäste langsam aber stetig zurück.

Von Eaux-Chaudes nach Cambo-les-Bains

Wer schon den Weg nach Eaux-Bonnes gefunden hat, sollte noch ein paar Kilometer weiter in die Berge fahren, um im mindestens genauso beeindruckenden Eaux-Chaudes auf 1450 Meter Höhe ein heißes Bad zu nehmen. Immerhin lockte der Ort zuletzt noch rund 600 Kurgäste pro Jahr an. Und das klingt positiver als beim Besuch Tucholskys, der – ebenfalls von Eaux-Bonnes aus – dorthin weiterreiste: „Heißwasser – Eaux-Chaudes – ist noch viel ausgestopfter. Das ist nun auch wirtschaftlich pleite. Der betrübte Badediener führt mich durch das Bad, das unter Sequester steht, sie haben in keiner Zelle mehr einen Stuhl, wegen Gepfändetwordenseins.“ Schon damals waren solche Orte also ein Juwel für Menschen, die die besondere Atmosphäre alter Kurbäder zu schätzen wissen. Tucholsky gehörte sicherlich dazu, auch wenn er bei seiner Abreise aus Eaux-Chaudes erleichtert war.

Der Französische Garten in Cambo-les-Bains, © Adobe Stock

Wer heute die etwas verwunschenen Kurorte Eaux-Bonnes und Eaux-Chaudes verlässt, dem sei, falls er in Richtung Atlantik unterwegs ist, zu guter Letzt ein Halt im Cambo-les-Bains empfohlen. Man erlebt ein properes, pulsierendes baskisches Städtchen mit Kurbetrieb im neoklassizistischen Kurbad. Die jährlich rund 15.000 Kurgäste schätzen nicht nur die gesundheitlichen Aspekte, sondern genießen Promenaden durch die Oberstadt, den Kurpark oder den überaus sehenswerten Park der Villa Arnaga mit seinen typischen, französischen Gärten. Erbauer der Villa, deren Besichtigung sich lohnt, war der Schriftsteller Edmond Rostand, der 1900 in Cambo-les-Bains eine Rippenfellentzündung auskuriert hatte. Mit  seinem Drama Cyrano von Bergerac (1897) erlangte er Weltruhm – es ist bis heute das meistgespielte Theaterstück auf Frankreichs Bühnen.

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Schatten über der Kur

Die Unterschiede zwischen deutschen und französischen Kurorten erklären sich aus der Sozialgesetzgebung. In Deutschland werden Kuren von der Rentenversicherung bezahlt, in Frankreich von der Krankenversicherung. Bei der medizinischen Rehabilitation pflegen die beiden Länder unterschiedliche Ansätze: In Deutschland wird ein ganzheitlicher Aspekt verfolgt, an dessen Ende die berufliche und soziale Wiedereingliederung steht. In Frankreich sollen lediglich verlorengegangene Funktionen wiederhergestellt werden. Die Ausgaben für medizinische Rehabilitation sind in Deutschland sehr viel höher als im Nachbarland.

In Deutschland dauern zwar stationäre Kuren auch oft nicht mehr wie früher vier Wochen, sondern in der Regel meist nur noch drei. Doch die deutsche Rentenversicherung ist, von täglich zehn Euro Selbstbeteiligung für Unterkunft und Verpflegung abgesehen, vergleichsweise großzügig.

In Frankreich dauert eine normale Kur 18 Tage, die finanzielle Belastung der Gäste ist deutlich höher als in Deutschland. Manch einer beklagt sich darüber hinaus, dass für die Kur Urlaubstage geopfert werden müssen. Auch gibt es in Frankreich weniger klassische Kurkliniken als in Deutschland. Anbieter wie die Chaîne Thermale du Soleil bieten Kuren zum Pauschalpreis an. Französische Kurgäste aber buchen häufig bescheidene Hotels mit speziellen Langzeittarifen einschließlich Vollpension. Aus diesen Häusern strömen dann morgens die Heilbedürftigen mit ihren Stoffbeuteln zu den Anwendungen. Seit etlichen Jahren bevorzugen viele Kurgäste aber auch praktische Ferienwohnungen. Sehr oft trifft man auf Ehepaare – einer kurt, der andere macht Urlaub.

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4 Kommentare/Commentaires

  1. Danke für die Ergänzung. Es gibt aber einfach zu viele spannende Kurorte in Frankreich, als dass wir alle bringen können. Das geht nur exemplarisch.

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