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Nordfrankreich

Bei den Sch’tis

Von Martin Vogler

Der Belfried von Bergues, © Adobe Stock

18. August 2020

Jahrzehntelang fand man in Frankreich den nördlichsten Zipfel des Landes potthässlich. Schmutzige Industrie, Bergbau und „rückständige Menschen“ prägten das Bild. 2008 änderte sich das dank der Erfolgskomödie Willkommen bei den Sch‘tis mit einem Schlag.

Allein in Frankreich sahen mehr als 20 Millionen Bienvenue chez les Ch’tis (so der Originaltitel) und haben den Film so zur erfolgreichsten Komödie des Landes gemacht. Alle waren geradezu von Sch’timanie erfasst. Vor allem schuf er Sympathie für die als kauzig und hinterwäldlerisch geltenden Menschen im französisch-belgischen Grenzgebiet mit ihrem sonderbaren Dialekt, Chtimi genannt. Für die deutsche Version, die 2,3 Millionen Kinobesucher anzog und mehrmals im Fernsehen gesendet wurde, mussten die Macher extra einen eigenen Dialekt erfinden, der ans Elsässische angelehnt ist.

Image-Probleme

Die Handlung des Films aus dem Jahr 2008 zeigt präzise, wo die Image-Probleme der Region Nord-Pas-de-Calais liegen: Als ein Postbeamter aus der sonnigen Provence erfährt, dass er in den Norden strafversetzt wird, fürchtet seine Familie, das sei irgendwo bei Lyon. Und als sie erfährt, dass es gefühlt zum Polarkreis, also zu den Ch’tis geht, ist das Entsetzen riesig und für die restlichen Familienmitglieder klar, dass sie da nicht hinziehen.

Also zuckelt der gute Mann trotz hochsommerlicher Temperaturen in einer dicken Daunenjacke widerwillig alleine in seinem Auto in Richtung der „Unzivilisierten“. Klar, dass nach mehr als 1000 Kilometern Fahrt erst all seine Vorurteile bedient werden, doch am Schluss liebt er die Menschen und die anfangs so unwirtlich wirkende Region. Besonderen Anteil an diesem Wandel hat sein wichtigster Mitarbeiter Antoine. Dieser Postbote wird vom in Frankreich sehr bekannten Komiker Dany Boon gespielt. Der in der Region geborene Boon, der auch das Drehbuch schrieb und Regie führte, versteht sich als witziger Anwalt seiner Sch’tis.

Filmszene aus „Willkommen bei den Sch’tis“, © Prokino

Zwar kann so ein Film zum Imagewandel beitragen und auch dazu führen, dass Franzosen und Ausländer auf die Region neugierig werden. Aber ohne echte Attraktionen klappt das nicht. Doch die gibt es. Die Strände sind weitläufig, klassische Badeorte locken, aber vor allem hat sich in der einstigen Kohle- und Stahlregion kulturell extrem viel getan. Wobei auch viele Industriedenkmäler selbst sehenswert sind – seit 2012 darf sich das Kohlerevier sogar UNESCO-Welterbe nennen.

Lille, Welthauptstadt des Designs

Beispiel Lille: Die flandrische Großstadt steht nicht nur für ein sterbendes Kohlerevier mit hoher Arbeitslosigkeit und vielen weiteren Problemen. Bereits 2004 erhielt Lille den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Das Musée des Beaux-Arts ist nach dem Pariser Louvre das zweitgrößte Kunstmuseum Frankreichs, Lille métropole Musée d’art moderne, d’art contemporain et d’art brut (LaM) ist ein einzigartiges kulturelles Zentrum im Norden Frankreichs; Charles de Gaulle wurde in Lille geboren – folglich widmet man ihm hier ein eigenes Museum. In der Innenstadt lässt sich attraktiv flanieren, bei Regen gerne auch unter den Arkaden des Renaissancebaus Vieille Bourse.

Wenn es keine Corona-Beschränkungen gäbe, stände Lille und die gesamte Region als Welthauptstadt des Designs 2020 prächtig da. Zum Leidwesen der Veranstalter mussten alle Aktivitäten verschoben werden. Allein vier große Ausstellungen und weitere Aktionen waren vorbereitet. Lille hatte sich bei der Wahl gegen Sydney durchgesetzt. Die Stadt überzeugte die Jury, weil sie auch beim Design den Wandel im wirtschaftlichen, kulturellen, ja, praktisch allen Bereichen betonte. Das passt bestens zu Lille.

Louvre-Lens, Exterieur, © Michel Legret

Strukturwandel in Lens

Nur 35 Kilometer südwestlich, in Lens, sieht alles etwas anders aus. In der ehemaligen Bergarbeiterstadt mit ihrer eher monotonen Architektur und vielen ungepflegten Ecken fällt es anfangs schwer, so etwas wie Charme zu entdecken. Bezeichnenderweise dominiert städtebaulich das riesige Stadion, das rund 40.000 Zuschauer fasst – ein Drittel mehr als Lens Einwohner hat. Fußball spielt eben im ehemaligen Steinkohlerevier, ähnlich wie man es aus dem Ruhrgebiet kennt, eine ganz wichtige Rolle.

Trotz des anfangs durchwachsenen Eindrucks lohnt sich ein Besuch von Lens, vor allem weil hier seit 2012 drei Kilometer westlich des Zentrums der Louvre-Lens steht. Diese Außenstelle des Pariser Louvre lässt sich von der Innenstadt aus auf einer zum Park umgewidmeten ehemaligen Bahnstrecke prima zu Fuß erreichen. Schon der Landschaftsgarten auf dem 1980 aufgegebenen Zechengelände ist ein Erlebnis. Das wird noch durch die trotz seiner Größe luftig wirkende Architektur des Museums getoppt. Allein die Grande Galerie zeigt auf stattlichen 3000 Quadratmetern Leihgaben des Pariser Mutterhauses aus 5000 Jahren. Auch hier wirkt alles bezaubernd leicht, was unter anderem daran liegt, dass alle Ausstellungsstücke frei im Raum stehen und die Wände leer bleiben.

Die Idee, mit kulturellen Angeboten gegen die Strukturschwäche der Region zu kämpfen, scheint hier zu funktionieren. Zumindest im Stadtviertel rund um den Louvre-Landschaftspark entstehen derzeit attraktive neue Wohngebiete. Bereits fertig und ideal für Museumbesucher gelegen ist das Hotel Louvre Lens. Man sollte dort allerdings auch gleich einen Tisch fürs Abendessen reservieren – denn im fußläufigen Umfeld ist es schwer, ein passendes Restaurant zu finden.

Louvre-Lens, Interieur, © Louvre Lens, Philippe Chancel

Im „Schwimmbad“ von Roubaix

Ebenfalls wirtschaftlich gebeutelt, aber trotzdem einen Besuch wert, ist Roubaix. Die Textilindustrie dort ist zusammengebrochen. Sie spielt nur noch indirekt als Versandzentrum und Ausbildungszentrum der Branche eine Rolle. Aber es gibt da dieses unglaubliche Schwimmbad, La Piscine: Das Musée d’Art et d’Industrie ist in einem ehemaligen Art-Déco-Bad untergebracht. Von 1932 bis 1985 wurden hier Bahnen gezogen. Heute zeigt das Haus mit dem faszinierenden Ambiente neben lokalen Künstlerinnen und Künstlern in Sonderausstellungen auch Werke von Weltrang – und erinnert natürlich an die einstige Größe der Textilindustrie.

Vielfalt an der Küste

Wer an die Küste fährt, erlebt Vielfalt. Neben riesigen Hafenanlagen wie in Dünkirchen/Dunkerque oder Calais, wo zudem der weitläufig dimensionierte Startpunkt des Kanaltunnels liegt, finden sich durchaus attraktive Badeorte. Das gilt sogar für Dünkirchen, zumindest im Stadtteil Malo-les-Bains. Dort wurden die Strandszenen des Sch’ti-Films gedreht. Sehenswert auch: Boulogne-sur-Mer, der größte Fischereihafen Frankreichs. Boulogne überrascht zudem mit einer oberhalb der reizlosen Innenstadt gelegenen umso attraktiveren Altstadt. Deren Mauerring ist komplett erhalten und der Weg darauf wird eifrig genutzt. Wer sich danach erholen will, findet in den Gassen pittoreske Restaurants und Cafés.

Im Zentrum von Le Touquet-Paris-Plage, © Iris Wiegand

Etwas weiter südlich liegen die beiden bedeutendsten Badeorte der Region: Le Touquet-Paris-Plage und Berck-sur-Mer gefallen beide mit ihren langen Strandpromenaden oberhalb eines vor allem bei Ebbe sehr breiten Sandstrands. Die Innenstädte selbst sind rechteckig-funktional angelegt, alles ideal für den Urlauber, der einfach nur entspannen will. Beide Städte bieten vom Hotel bis zur Ferienwohnung unzählige Unterbringungsmöglichkeiten. Wobei Le Touquet vor allem in den parkähnlichen Wohngebieten deutlich exklusiver als Berck ist.

Wer etwas mehr Küstenromantik sucht, sollte ein paar Kilometer südlicher in die Picardie fahren, zum Beispiel nach Le Cretoy – oder St-Valery-sur-Somme. Hier erlebt man eine kleine mittelalterliche Stadt, die sowohl als Hafen- als auch als Badeort interessant ist – und je nach Saison entsprechend überlaufen ist.

© Martin Vogler

Ein Muss auf den Spuren der Sch’tis ist natürlich der Ort, in dem der Film hauptsächlich spielt: Bergues liegt etwa zehn Kilometer vom Meer und von der belgischen Grenze entfernt. Die sehr freundliche Kleinstadt erlebte dank des Films einen wahren Touristen-Boom. In den Geschäften gibt es Sch’ti-Souvenirs, es wird Ch’ti-Bier gebraut, und das Fremdenverkehrsbüro bietet Führungen zu den wichtigsten Drehorten an. Das Stadtbild dominiert der Belfried, der Glockenturm. Im Film beherrscht der von Dany Boon gespielte Briefträger Antoine das Läutwerk mit seinen 50 Glocken derart brillant, dass er das Herz seiner Traumfrau gewinnt. Der Großonkel Dany Boons soll übrigens noch bis 1999 hier musiziert haben.

Wer durch Bergues bummelt, fühlt sich wie im Film. Und man versteht, warum der aus dem Süden strafversetzte Chef des Postamts nach drei Jahren in „Frankreichs Sibirien“ nur wehmütig wieder wegzieht. Und das als künftiger Chef der Post von Porquerolles.

Chtimi für Anfänger

  • Chtimi ist auch für Franzosen schwer zu verstehen, obwohl diese galloromanische Sprache – beziehungsweise dieser Dialekt – mit dem Französischen verwandt ist. Der Begriff Chtimi für die Ch‘ti-Sprache wird vor allem in Flandern verwendet. Südwestlich davon wird sie als Picardische bezeichnet. Etwa eine halbe Million Menschen beherrschen sie.
  • Sch‘tis schprechen u. a. das S als „Sch“ ausch.
  • Im Hauptdrehort des Sch’ti-Films Bergues ist Chtimi kaum gebräuchlich.
  • Auch im angrenzenden Belgien ist Chtimi verbreitet. Regisseur Dany Boon hat das in seiner Komödie Nichts zu verzollen (2010) thematisiert – eine Persiflage französisch-belgischer Grenzkonflikte.

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