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Umfrage

Denk ich an Deutschland …

Von Birgit Holzer

Das Berliner Regierungsviertel in der Nacht, © visitBerlin, Foto: Pierre Adenis

22. Januar 2021

Die Französinnen und Franzosen beurteilen ihren deutschen Nachbarn positiver denn je – gerade auch infolge der Corona-Pandemie.

Respekt, Sympathie, Vertrauen – anerkennende Gefühle gegenüber dem Nachbarn jenseits des Rheins („outre-Rhin“): 91 Prozent haben ein positives Bild von den Deutschen, ergab eine Umfrage, die die Botschaft der Bundesrepublik in Paris beim französischen Meinungsforschungsinstitut Ifop in Auftrag gegeben hat. Der Wert ist seit der ersten Befragung, 2012, deutlich gestiegen – damals lag er noch bei 82 Prozent.

1300 Französinnen und Franzosen waren im November 2020 befragt worden, darunter mehr als 300 junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren, deren Antworten die Meinungsanalysen gesondert ausweisen.

Zugleich bleibe Deutschland „ein Land, das unsere Bürgerinnen und Bürger relativ wenig kennen“, sagt Jérôme Fourquet, Meinungsforscher bei Ifop. Viele bezögen ihr Wissen über den Nachbarn überwiegend aus den Medien, wo Deutschland derzeit „oft als Beispiel oder Referenz in der öffentlichen französischen Debatte herangezogen“ werde. Das gelte gerade hinsichtlich des Krisenmanagements in der Covid-19-Krise.

Wirtschaftlich stark, politisch stabil, solidarisch

Stichworte, die den Französinnen und Franzosen beim Gedanken an Deutschland als erstes in den Sinn kommen, sind für jeweils mehr als ein Drittel „Respekt“ und „Sympathie“, während „Misstrauen“ (10 Prozent), „Wut“ oder „Unverständnis“ (jeweils 3 Prozent) weit abgeschlagen sind. Negative Meinungen betragen insgesamt nur noch 18 Prozent – gegenüber 30 Prozent 2012.

Am häufigsten verbinden Franzosen mit Deutschland die Wirtschaftskraft, Beschäftigungsrate und politische Stabilität – letzteres ist Fourquet zufolge auch der Bundeskanzlerin, Angela Merkel, direkt zu verdanken. Nur eine Minderheit betont Ungleichheiten oder hat den Eindruck von Arroganz. Dass 72 Prozent der Französinnen und Franzosen Deutschland für ein solidarisches Land halten, liegt in den Augen des Meinungsforschers auch an der vergleichsweise guten medizinischen Ausstattung und Versorgung in der Corona-Krise, zumal deutsche Kliniken in der ersten Welle der Pandemie französische Patientinnen und Patienten aufnahmen. „Hinzu kamen auf europäischer Ebene die Einigung auf einen gemeinsamen Aufbauplan und die Bereitschaft zur gemeinsamen Schuldenaufnahme.“ Das Ansehen Deutschlands stieg auch in Sachen Einsatz für die deutsch-französischen Beziehungen und in europäischen Krisen wie dem Brexit oder der Euro-Krise.

Ein modernes Land

Zudem wuchs die Einschätzung, Deutschland sei ein modernes Land – vor allem bei den 18- bis 24-Jährigen, die es in touristischer und kultureller Hinsicht als interessanter bewerten als ältere Generationen. „Man erkennt hier einen Umschwung und eine große Rolle spielt hierbei die Attraktivität der Hauptstadt Berlin“, sagt Fourquet.

Hinsichtlich der bilateralen Beziehungen gibt es ebenfalls eine weitere Verbesserung. Dass Deutschland sich auf der internationalen Bühne zu sehr in den Vordergrund stellt, sehen nur 14 Prozent, und auch den wirtschaftlichen Einfluss der größten europäischen Volkswirtschaft schätzt nur gut ein Viertel als zu groß ein. Vielmehr gilt der deutsche Nachbar einer überwältigenden Mehrheit der Befragten weiterhin als der wichtigste europäische Partner – weit vor anderen Ländern wie Italien, Belgien oder Spanien. Für 92 Prozent ist ein gutes Verhältnis von Deutschland und Frankreich eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Europäischen Union und der Eurozone. Unter Präsident Emmanuel Macron habe sich der Eindruck verstärkt, beide Länder begegneten einander „auf Augenhöhe“, so Jérôme Fourquet.

Nachholbedarf in der Annäherung

Trotz der positiven Ergebnisse erkennt er noch Nachholbedarf in der Annäherung beider Länder. Zwar kennen 65 Prozent den deutsch-französischen Fernsehsender Arte, doch andere verbindende Einrichtungen wie das Deutsch-Französische Jugendwerk, der Deutsch-Französische Bürgerfonds, der Deutsch-Französische Ausschuss für Grenzüberschreitende Zusammenarbeit oder zivilgesellschaftliches Engagement seien nur einer kleinen Minderheit bekannt. „Neue Instrumente haben es schwer, bekannter zu werden“, so Fourquet.

Drei von vier Befragten gaben außerdem an, kein Deutsch zu sprechen, und nur drei der 25 Prozent, die die Sprache gelernt haben, beherrschen sie eigenen Angaben zufolge sehr gut. Der deutsche Botschafter in Paris, Hans-Dieter Lucas, nannte dies ein Problem, das sich in Deutschland mit der französischen Sprache gleichermaßen stelle.

Nur 59 Prozent der französischen Bevölkerung hat Deutschland besucht, was laut Fourquet kein allzu hoher Wert ist – vor allem nicht im Vergleich zu Reisen in andere Länder und im Hinblick auf ein ganzes Leben. Von den 18- bis 24-Jährigen sagten allerdings deutlich mehr als 59 Prozent, dass sie Deutschland bereisen wollten und sich sogar vorstellen könnten, dort zu leben und zu arbeiten.

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